Matteo Renzi verliert keine Zeit. Noch an diesem Samstag oder am Sonntag will er sich von Staatspräsident Giorgio Napolitano zum Ministerpräsidenten ernennen lassen. Bis Ende nächster Woche will er ihm dann eine vollständige Ministerliste vorstellen. Danach soll es gleich mit der Wahl- und Verfassungsreform losgehen. Sein Plan ist es – sagte er vor dem Führungsstab der Demokratischen Partei (PD) –, die Regierung bis 2018 zu führen. Die Frage, ob sich eine Koalition findet, die sein Vorhaben unterstützt, scheint ihn wenig zu beschäftigen. Im Dokument, mit dem die Führungsgruppe der PD am Donnerstag de facto die Regierungskrise auslöste, heißt es, die Legislaturperiode solle weiter in Zusammenarbeit mit der bestehenden Koalition vollendet werden.

Dass der Bürgermeister von Florenz ungern Zeit verliert, ist bekannt. Man wird ja nicht mit 39 Ministerpräsident, wenn man sich zu viel Zeit zum Entscheiden nimmt. 24 Minuten brauchte er am Donnerstag, um vor dem gesamten Führungsstab der Partei seinen Anspruch auf die Regierungsführung zu verdeutlichen: Es sei Zeit für eine neue Phase. Für einen "Sprint nach vorn", wie der ehemalige Parteichef und Renzi-Anhänger Piero Fassino sagte.

Renzi war schon immer ein Sprinter. Mit 29 war er schon Präsident der Provinz Florenz. Fünf Jahre später Bürgermeister von Florenz. Noch fünf Jahre und er saß an der Spitze der größten italienischen Partei. Und jetzt steht er kurz davor, die Regierungsführung zu übernehmen. Genau in dieser Geschwindigkeitssucht sieht Ezio Mauro, Chef der Tageszeitung La Repubblica, Renzis Erfolgsrezept: "In einem entkräfteten politischen System vertrauen viele Renzi mit abergläubiger Verzweiflung, als hätte das Land einen Tiefpunkt erreicht, und nur die Wandelkraft, die Renzi verkörpert, könnte es wieder in Fahrt bringen."

Letta vertraute ihm – bis zur Pressekonferenz

Mit dem Sprint der vergangenen Woche hatte allerdings fast niemand gerechnet. Kaum einen Monat ist es her, seit Renzi vor einem umstrittenen Treffen mit Silvio Berlusconi seinem Parteifreund und Ministerpräsident Enrico Letta versicherte: "Enrico, bleib ruhig. Niemand will deinen Platz einnehmen." Letta glaubte ihm und verzichtete auf weitere Polemik. Als er dann am Mittwochabend in aller Eile eine Pressekonferenz einberief, um mit einem neuen Koalitionsprogramm Renzis Plänen entgegenzutreten, war es eindeutig zu spät.

Rückhalt in der Partei genießt Letta inzwischen keine mehr. Trotzdem beginnt das Dokument, mit dem die PD seinen Rücktritt fordert, mit einer Danksagung an den ausscheidenden Ministerpräsidenten. Er habe das Land in einer schwierigen Phase regiert. "Wenn man auf diese fast 300 Tage zurückblickt", sagte der PD-Abgeordnete Luigi Zanda vor der Parteiführung, "hat man den Eindruck, dass Enrico oftmals allein den Karren der Regierung geschoben hat." 

Renzis Coup kommt zur richtigen Zeit

Lettas Weg war von Anfang an steinig: Die PD und Berlusconis PDL waren fast ununterbrochen in einem Streit über die Steuerreform verwickelt. Dann spaltete sich die PDL infolge Berlusconis Verurteilung auf. Dasselbe Schicksal traf daraufhin auch den anderen Koalitionspartner: Montis Bürgerwahl. Unter diesen Bedingungen konnte das jährliche Haushaltsgesetz nur mit enormen Schwierigkeiten verabschiedet werden. Ironie des Schicksals: Am Freitag gab das Forschungsinstitut Istat bekannt, dass Italien zum ersten Mal seit drei Jahren positive Quartalszahlen schrieb.

Renzis Tempowechsel war überraschend, jedoch vorhersehbar. Denn er kommt genau zum richtigen Zeitpunkt. Hätte er länger gewartet, hätte sich zum einen der Effekt seiner triumphalen Wahl zum Parteichef im Dezember verflüchtigt. Zum anderen hätte die parteiinterne Minderheit wieder Kraft gewinnen können. So konnte er stattdessen die Fronten durchbrechen und für sein Regierungsprojekt eine überwältigende Mehrheit gewinnen.