Es ist das ultimative Schimpfwort. Wer in Israel seinen Gegner beleidigen und verunglimpfen will, der nennt ihn einen Nazi. Passiert ist das zum Beispiel dem Rabbiner und Knesset-Abgeordneten Dov Lipman, als der versuchte, Schulmädchen vor ultraorthodoxen Rowdies zu schützen, die deren Kleidung als zu freizügig betrachteten. "Nazi" nannten ihn die Ultraorthodoxen auf den Demonstrationen immer wieder.

Möglicherweise ist es damit bald vorbei. Ein Gesetzentwurf nämlich sieht vor, dass die Verwendung des "Nazi"-Wortes in Israel unter Strafe gestellt wird. Nur zu pädagogischen und historischen Zwecken soll das Wort noch benutzt werden dürfen.

Über das Gesetzesvorhaben wird seit Wochen heftig gestritten. Die Initiatoren wollen die Regelung vor allem, um Holocaust-Überlebende vor Zumutungen zu schützen. Der Abgeordnete Shimon Ohayon von der rechten Israel Beitenu-Partei sagt: "Wir in unserem Land können genug Ausdrücke finden, um unsere Meinungen sagen. Was ich verlange, ist, bitte haltet uns dabei diese spezifische Situation vom Leib, die mit unserer Geschichte zu tun hat."    

Den Befürwortern geht es nicht darum, auf gesetzlichem Wege gegen alte oder neue Nazis, Antisemitismus oder Rassismus vorzugehen. Sie stören sich vielmehr daran, dass in Israel das N-Wort inflationär häufig verwendet wird, dass auch Wirtschafts-, Umwelt- oder auch nur Alltagskatastrophen oft als Schoah (der hebräische Ausdruck für Holocaust; wörtlich: Katastrophe) bezeichnet werden. Sie empfinden dies als Trivialisierung des Holocausts.  

"Nazi" sei kein Schimpfwort wie jedes andere, schrieb der Journalist Noah Klieger, der selber Buchenwald überlebt hat. Denn mit dem Wort würde jemand mit jenen verglichen, "die sechs Millionen Juden, Hunderttausende von Polen, sowjetische Kriegsgefangene und Zigeuner in Todeslagern vernichteten und den Tod von mehr als sechzig Millionen Menschen verursachten, indem sie einen Weltkrieg begannen".

Überlebende wie Klieger sind unter jungen Israelis hoch angesehen. Ihnen kann man nicht vorwerfen, dass sie sich nicht für die Vergangenheit interessieren. Umfragen zeigen, wie sehr sie – vielleicht sogar noch mehr als ihre Eltern und unabhängig vom familiären Hintergrund – in ihrer Identität von der Geschichte des Holocaust geprägt sind. Dennoch haben viele überhaupt kein Problem damit, sich des Nazi-Vergleichs zu bedienen, um sich zum Beispiel über einen besonders strengen Lehrer aufzuregen. Viele Israelis halten deshalb das Gesetzesvorhaben für unsinnig oder antidemokratisch. "Muss jetzt die Seinfeld-Episode mit dem "Suppen-Nazi" zensiert werden?", fragt der Schriftsteller Etgar Keret in einem Artikel in der New York Times.

Roni Bar, die zu den Jungen im Land gehört, schrieb in Haaretz: "Wir haben den Begriff nicht verharmlost, sondern besiegt." Man könne heutzutage den super-pingeligen Freund ärgern, indem man ihn frage: Was bist du denn für ein Nazi? Damit sei das Opferdasein ihres Großvaters überwunden.