Während der Olympischen Winterspiele gleicht Sotschi einer Stadt im Belagerungszustand. Der russische Kurort am Schwarzen Meer gilt als Ziel erster Kategorie für islamistische Attentäter. Die Epizentren des Terrorismus im Nordkaukasus vor allem in den Republiken Kabardino-Balkarien, Tschetschenien und Dagestan liegen nur ein paar Hundert Kilometer entfernt. Die Bombenexplosion beim Bostoner Marathon im April vergangenen Jahres, die zwei Einzeltätern aus Tschetschenien zugerechnet wird, hatte gezeigt, wie groß der weltweite Effekt des Terrors bei einem Sportfest sein kann. Im Dezember kam es zu zwei Selbstmordanschlägen in Wolgograd. Sie bedrücken die Olympiade wie ein böses Omen. 

Damit bei den Prestige-Spielen des russischen Präsidenten Wladimir Putin nichts passiert, riegeln etwa 40.000 Polizisten und Geheimdienstler die Stadt vom Autoverkehr ab. Die knapp vier Kilometer entfernte Grenze zur Nachbarrepublik Abchasien schlossen die Grenzschützer sogar für mehr als einen Monat – zum Schaden der dortigen Mandarinenbauern, die sonst Russlands Märkte beliefern. Die Sicherheitskräfte bauten ein mehrstufiges System der Personenkontrollen auf und durchleuchten alle eingehenden Pakete. Die Nervosität ist groß – und betrifft seit heute sogar Zahnpasta. Nach einer Information des US-Geheimdienstes könnten Terroristen Sprengstoff  in Zahnpastatuben in ein Flugzeug nach Sotschi schmuggeln und daraus an Bord eine Bombe basteln.

Dabei sollte Sotschi als Austragungsort der Olympiade der Welt die Befriedung der unruhigen Region demonstrieren. So die Idee des Kremls. Im Feldzug gegen tschetschenische Unabhängigkeitskämpfer und islamistische Krieger ist Putin im Herbst 1999 von einem unbekannten Beamten zum Führer Russlands aufgestiegen. Jetzt hält er die Zeit für gekommen, die Bergkette nördlich des Schwarzen Meeres zu einem – garantiert sicheren – Touristenziel auszubauen. Sotschi bietet die Werbeplattform dafür. Aber hat sich die Sicherheitslage im Kaukasus wirklich gebessert?

Terror nimmt außerhalb des Nordkaukasus zu

Die Antwort hängt vom Blick des Betrachters ab. Manche Zahlen sprechen dafür: Wer Statistiken anhängt, kann auf die Terror-Jahresbilanz des Webdienstes Kawkaskij Usel verweisen, nach der die allgemeine Opferzahl im Nordkaukasus im Jahr 2013 gesunken ist – insgesamt wurden 986 Menschen getötet oder verwundet. 2012 waren es 1.225. Die Sicherheitsbehörden rühmen sich oft, Anschläge verhindert oder Terroristen aufgespürt zu haben. Die meisten der Verdächtigen kommen allerdings bei der Verhaftung ums Leben. Die Angaben sind kaum zu überprüfen. Es gibt nur wenige Gerichtsverfahren, und sie finden meist unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Tatsächlich ist zumindest jeder kaukasische Separatismus vorerst gebannt.

Die Skeptiker führen auch die Zahlen von Kawkaskij Usel an: Die Zahl der zivilen Opfer ist um knapp 20 Prozent auf 104 Tote und 145 Verletzte gestiegen. Der Terror der Selbstmordattentäter nimmt gerade auch außerhalb des Nordkaukasus zu. Zudem sind Hunderte, vielleicht sogar mehr als tausend islamistische Kämpfer in den Bürgerkrieg nach Syrien gezogen. Von dort kehren sie wie aus dem militärischen Trainingslager in den Kaukasus zurück, wo die ständige Unterdrückung von Freiheit und Menschenrechten neuen Hass und weitere Gewalt fördert.

Verschärfend kommt seit dem vergangenen Herbst ein Gesetz der kollektiven Verantwortung hinzu, das die russischen Parlamentarier im Vorlauf zu Sotschi verabschiedeten. Es bestimmt, dass die Familien der Attentäter für die Folgekosten der Anschläge finanziell einstehen müssen. Doch der Zusammenhalt und die innere Hierarchie der kaukasischen Familien, in denen das Oberhaupt früher das absolute Sagen hatte, sind schwächer geworden. Dies ist auch eine Folge der zwei Tschetschenienkriege, die viele traditionelle Regeln des Zusammenlebens zerstörten. Wer gegen die alltägliche Ungerechtigkeit aufbegehrt und zu den Islamisten "in den Wald" wechselt, hört heute kaum mehr auf Vater oder Mutter. Aber die Eltern tragen nun vor dem Gesetz eine Mitverantwortung.

Zwar gelang es den russischen Sicherheitskräften in den vergangenen Jahren, viele Führer der kaukasischen Untergrundbewegung zu "liquidieren". Aber einer hat bisher auch die mehrfachen Meldungen von seinem Tod überlebt: Doku Umarow. Umarow hatte im Sommer vergangenen Jahres in einer Videobotschaft mit wallendem Bart vor schwarzer Fahne die Spiele von Sotschi als "satanische Tänze auf den Knochen unserer Vorfahren" bezeichnet und die Muslime Russlands aufgerufen, sie zu verhindern.