Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier fliegt heute Morgen in jenes große Land, dessen stellvertretende Außenministerin sich kürzlich mehr als abfällig über die EU-Politik in der Ukraine äußerte. Der "Fuck the EU"-Ausrutscher der US-Diplomatin Victoria Nuland ist schon Geschichte. Die Europäer dürfen darüber milde lächeln angesichts der Wirkungslosigkeit der US-Politik in Osteuropa und der europäischen Durchschlagskraft in den vergangenen Tagen.

In der hochexplosiven Krise um die Zukunft der Ukraine zeigt sich zweierlei: was Europa in der Not vermag und was die Reden über Deutschlands gewachsene Verantwortung eigentlich bedeuten.

Als Mitte der vorigen Woche im Zentrum von Kiew scharf geschossen wurde und rund 100 Menschen starben, waren die Europäer binnen Stunden zur Stelle: Steinmeier mit dem französischen Außenminister Fabius und dem polnischen Amtskollegen Sikorski. Der Erste brachte das deutsche Gewicht und die persönliche Fähigkeit zum Ausgleich mit. Der Zweite den französischen diplomatischen Glanz und die Erfahrung seiner Nation. Der Dritte die polnische Nähe zur Ukraine und die Lehren eines erfolgreichen Transformationslandes. Sie alle konnten auf die Vorverhandlungen der EU-Vermittler aus Brüssel bauen. 

Bürgerkrieg verhindert

Auf so vielen Oktaven kann nur Europa spielen; die Drei hatten in harten Verhandlungen Erfolg. Das Abkommen verhinderte den Bürgerkrieg – vorerst. Die Revolution in Kiew ist zwar über den Buchstaben des Vertrags hinweggegangen, aber der friedliche Übergang wurde erst durch diese Übereinkunft möglich.

An dieser Stelle soll kurz an das Geheul erinnert werden, das sich in Deutschland Ende Januar erhob, als Frank-Walter Steinmeier und Bundespräsident Gauck Deutschlands gewachsene Verantwortung in der Welt betonten. Eine Koalition aus linken Antimilitaristen, rechten Ohnemicheln und liberalen Moralisten schrie auf: "Nie wieder Soldaten!" – "Nur nicht den Mund so voll nehmen!" Und vor allem: "Was geht uns das alles an?"

Frank-Walter Steinmeier demonstriert in diesen Tagen, dass sich Verantwortung nicht in Truppenstärke misst. Soldaten sind das allerletzte Mittel und für die meisten Herausforderungen gar nicht vonnöten. Verantwortung bedeutet, unaufhörlich hinzusehen und da zu sein, wenn man gebraucht wird. Denn vieles in der Welt geht uns Deutsche was an. Der Krieg in Syrien genauso wie failing states in Nordafrika. Der Nahostkonflikt ebenso wie ein möglicher Bürgerkrieg in der Ukraine. Der deutsche Außenminister war genau im richtigen Moment in Kiew, und damit hat er sich mit Sikorski und Fabius schon jetzt ins osteuropäische Geschichtsbuch eingetragen. 

Erinnerung an Ersten Weltkrieg

Steinmeier hat in den vergangenen Wochen an den Ersten Weltkrieg erinnert, nicht nur im Präteritum, sondern als Mahnung für die Konflikte von heute. In der Ukraine zeigt sich, wie zeitgemäß die Erinnerung an 1914 ist. Im ukrainischen Konflikt stehen Europa und die USA hüben und Russland drüben auf gegensätzlichen Seiten der Barrikaden. Die neuen Regierenden in Kiew haben als Erstes die Minderheitenrechte der russischsprachigen Ukrainer beschnitten. Das macht böses Blut. Die Krim mit ihren beleidigten russischen Nationalisten könnte sich als Sprengsatz für ganz Osteuropa herausstellen. Einen möglichen Krieg um die Krim gilt es zu verhindern.