Seung-ho Choi ist in Eile. Er muss ins Aufnahmestudio, die neue Sendung ansagen. "Heute geht es um die Personalpolitik der südkoreanischen Präsidentin, diesmal hat sie bei der Flughafenbehörde einen unfähigen Mann eingesetzt." Choi sagt das, als bestätige es nur wieder den Regierungsstil von Park Geun-hye. Und wenn man hier, in diesem Haus, ein Blatt vor den Mund nähme, wer sollte dann noch kritisch sein? "Das wichtigste Stück aus unserem heutigen Programm ist aber eine Folgegeschichte zur Steuerhinterziehung, die wir vor ein paar Wochen aufgedeckt haben." Seung-ho Choi geht noch einmal durch seine Unterlagen, flüstert die Themen vor sich her.

Um ihn herum sieht alles ein wenig behelfsmäßig aus. Der Tisch, hinter dem Choi gleich seine Ansage machen wird, steht auf zwei Kartons, damit die Höhe auch passt. In der Ecke liegen weitere Kartons, an den Wänden hinter der Kamera hängen noch keine Poster, wie es sonst so häufig in Redaktionen zu sehen ist. Erst seit einem knappen Jahr hausen die Journalisten in diesem Großraumbüro, auf rund 100 Quadratmetern. "Aber es ist ein Riesenschritt, dass wir hier sind", sagt Choi. "Vorher mussten wir einen Konferenzsaal der Journalistengewerkschaft nutzen. Wenn es dort Besprechungen gab, konnten wir nicht arbeiten."

Hier, im sechsten Stock eines kleinen Bürogebäudes an einer stark befahrenen Straße in Seoul, sitzt Newstapa. Die Geschichte des Online-TV-Senders reicht weniger als zwei Jahre zurück, trotzdem gilt er schon als die Bastion des investigativen Journalismus Südkoreas. Er ist der einzige nationale Partner des International Consortium of Investigative Journalists. Zwei Mal in der Woche berichtet das Programm über Nachrichten aus Wirtschaft und Politik, mit Themen, über die der Rest der Medienlandschaft nicht berichtet.

Südkoreas Verfassung sieht zwar eine unabhängige Presse vor. Aber mit der Wahl des rechtskonservativen Myung-bak Lee zum Präsidenten veränderte sich ab 2008 das politische Klima. Die entsprechenden Gesetze ließ Lee, der in der Zeit südkoreanischer Diktaturen vor 1987 groß geworden war, so auslegen, dass allzu regierungskritischer Journalismus als staatsfeindlich galt. 180 Journalisten wurden während Lees Amtszeit in dieser Sache bestraft, teilweise mit Freiheitsstrafen. Öffentliche und private Rundfunkanstalten wurden mit politischen Freunden des Präsidenten besetzt.

Kaltgestellt nach kritischem Bericht

"Unter der aktuellen Präsidentin, Park Geun-hye, hat sich daran kaum etwas geändert", beschwert sich auch der Journalist Il Jun Song, der 2008 nach einer kleineren TV-Dokumentation über die Gefahren von Rindfleischimporten aus den USA bei seinem Rundfunksender MBC (Munhwa Broadcasting Corporation) kaltgestellt wurde. Song darf seitdem, obwohl er den anschließenden Gerichtsprozess gewann, nur noch kleinere Projekte koordinieren.

International wurde diese Entwicklung schon quittiert. 2011 stufte das US-amerikanische Institut Freedom House den Status der Pressefreiheit von Free auf Partly Free herab. Zwei Jahre zuvor war Südkorea im Press Freedom Index von Reporter ohne Grenzen um 30 Plätze auf 69 gerutscht. Seit Park 2012 ihren Parteikollegen Lee als Präsidentin abgelöst hat, steht Südkorea auf Platz 50. Da die aktuelle Gesetzesauslegung ihr aber zugute kommt, wird keine große Kehrtwende erwartet.

Ein unabhängiger Sender wie Newstapa scheint daher wichtiger als je zuvor. Und das Konzept hat Erfolg. Mittlerweile gibt es 150.000 Follower auf Twitter. Rund 31.000 freiwillige Spender halten das Projekt am Leben, nach Angaben des Senders komme jede Woche 10 bis 20 dazu. "Wenn wir eine richtig große Geschichte bringen, kommen viel mehr neue Unterstützer", sagt der Nachrichtensprecher Seung-ho Choi. Das Programm ist gratis, jeder kann so viel spenden, wie er für angemessen hält. Der Durchschnitt liegt bei 10.000 Won im Monat, umgerechnet gut 7 Euro. Im Jahr kommen so rund 2,5 Millionen Euro zusammen. Das reicht, um die Gehälter, Recherchen und laufende Ausgaben zu bezahlen.