In der Ukraine demonstrieren erneut Zehntausende Menschen gegen die Regierung von Viktor Janukowitsch. Auf dem von Barrikaden umgebenen Unabhängigkeitsplatz in Kiew haben sich mehr als 50.000 Demonstranten versammelt.

Die Oppositionsführer Klitschko und Arsenij Jazenjuk hatten am Samstag auf der Sicherheitskonferenz in München bei westlichen Spitzenpolitikern um Unterstützung geworben. Am Sonntag wurden die beiden von den Demonstranten in Kiew mit Jubel empfangen. "Bildet Bürgerwehren in jedem Hof, in jedem Bezirk, in jedem Haus", sagte Klitschko vor den Demonstranten auf dem Maidan.

Klitschko wies das vom ukrainischen Parlament verabschiedete Amnestiegesetz für festgenommene Oppositionelle in einer Ansprache zurück. Es sei nicht akzeptabel, weil es die Räumung der durch die Demonstranten besetzten Verwaltungsgebäude zur Bedingung mache. Damit würden die inhaftierten Oppositionellen zu "Geiseln". Er forderte deren bedingungslose Freilassung.  

Unterdessen wurde bestätigt, dass der mutmaßlich gefolterte ukrainische Regierungsgegner Dmitri Bulatow zur Behandlung in die EU ausreisen darf. Am Sonntagabend gab der Oppositionspolitiker Pjotr Poroschenko bekannt, dass ein Gericht in Kiew das Verfahren wegen der Organisation von Massenunruhen eingestellt und den Weg für Bulatow freigemacht habe. Zuvor hatte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz mitgeteilt, dass sein ukrainischer Kollege Leonid Koschara ihm die Ausreise Bulatows zugesichert habe.

Luzenko fordert "Selbstverteidigungseinheiten"

Der frühere Innenminister Juri Luzenko von der oppositionellen Vaterlandspartei der inhaftierten Ex-Regierungschefin Julija Timoschenko sprach während der Demonstration am Sonntag in Kiew von einem "neuen Kolonisierungsversuch" der Ukraine durch Russland. 

Luzenko forderte die Bevölkerung zur Bildung von "Selbstverteidigungseinheiten" im ganzen Land auf. Diese seien "die beste Absicherung gegen ein Blutbad". "Nichts ist vorbei! Nichts ist verloren, aber nichts ist gewonnen", mahnte er die Regierungsgegner zum Durchhalten.

Janukowitsch wieder gesund

Präsident Janukowitsch hatte sich zuvor nach Angaben des Präsidialamts wegen einer schweren Atemwegsinfektion im Krankenhaus behandeln lassen. Inzwischen habe er seine Arbeit wieder aufgenommen. "Nach Beendigung der notwendigen Behandlungen fühlt sich der Präsident gut, sein Gesundheitszustand ist zufriedenstellend", teilte das Amt mit.

Der Oppositionspolitiker Jazenjuk hatte die Armee am Samstag aufgefordert, nicht in den Konflikt einzugreifen. Das ukrainische Militär hatte sich vor dem Wochenende erstmals in den Machtkampf zwischen Opposition und Regierung eingeschaltet. Soldaten und Angestellte des Verteidigungsministeriums forderten Präsident Janukowitsch in einer Erklärung auf, Schritte zu ergreifen, um die Lage zu stabilisieren. Die Erstürmung öffentlicher Gebäude durch die Demonstranten sei inakzeptabel.

In der Ukraine protestieren seit November Regierungsgegner gegen Staatschef Janukowitsch, dem sie eine Abkehr von der EU und eine Hinwendung zu Russland vorwerfen. Bei gewaltsamen Zusammenstößen mit Sicherheitskräften wurden nach Angaben von Aktivisten fünf Menschen getötet. Mehrere Oppositionsaktivisten wurden verschleppt und zusammengeschlagen, die Leiche eines Oppositionellen war mit Folterspuren in einem Wald gefunden worden.