Es war ein Tag, an dem man Angst um den Frieden in der Ukraine haben konnte. Uniformierte und Bewaffnete, von denen nicht klar war, in wessen Auftrag sie handelten, hatten zwei Flughäfen auf der Krim besetzt. Dann hieß es, die Zentralregierung habe alles unter Kontrolle. Schreckensszenarien gingen über die Agenturen in die Welt.

Und dann kam Viktor Janukowitsch. Im russischen Rostow am Don, unweit der ukrainischen Ostgrenze, trat der gestürzte Präsident vor die Presse. Erstmals seit seinem Sturz äußerte er sich, angesichts der angespannten Lage auf der Krim war es besonders spannend, was er sagen würde. Gerüchte machten die Runde, Janukowitsch könnte von Rostow aus auf die Krim weiterreisen und dort den prorussischen Aufstand anführen.

Doch was folgte, war ein eindrucksvolles Stück Selbstdemontage. Was der einstige Präsident sagte, klang weniger nach Kampfansage als nach Verzweiflungstat. Janukowitsch erklärte in schlichtem Russisch, beinahe um Mitleid werbend, wie schwer seine Flucht aus der Ukraine gewesen sei. Dass er sich in Rostow befinde, weil ein alter Freund ihm Unterschlupf gewähre, und dass er erst in die Ukraine zurückkehren wolle, wenn seine Sicherheit international garantiert sei. Wie er unter diesen Umständen für die Zukunft der Ukraine kämpfen wolle, wie er selber sagte, blieb unklar. Und dann redete er von seinem Heimatland, als sei es ein fremder Drittstaat. "Die Ukraine bleibt unser strategischer Partner", antwortete er auf eine Frage nach der Rolle Russlands. So beerdigt man sich mit einem einzige Versprecher, ätzte das russische Wirtschaftsblatt Vedomosti. In sozialen Netzwerken wurde Janukowitsch schnell vom gestürzten Diktator zur Witzfigur.

Ob Janukowisch also der Mann sein soll, auf den Wladimir Putin in der Krise der Ukraine setzt, scheint daher äußerst zweifelhaft. Den beiden Männern wird ohnehin ein schwieriges Verhältnis nachgesagt. Seit Janukowitsch nach Russland geflohen ist, haben sie sich angeblich noch nicht getroffen.

Dabei wächst der Einfluss Moskaus auf die Ukraine wieder: Die Halbinsel scheint kaum noch unter der Kontrolle der neuen Regierung in Kiew zu sein. Bewaffnete prorussische Kämpfer besetzten zeitweise nicht nur die wichtigsten Flughäfen der Krim. Der ukrainische Grenzschutz meldete, dass einer seiner Stützpunkte angeblich von russischen Marinesoldaten der vor Ort stationierten Schwarzmeerflotte blockiert seien. Auch russische Hubschrauber sollen über der Krim gesichtet worden sein. Um seine Sicherheit auf der Halbinsel müsste sich Janukowitsch wohl nicht fürchten, wenn er denn einen ernsthaften Kampf um die Ukraine plant.

Neue Regierung braucht Russland

Und auch wenn sich die neue Regierung in Kiew gegen die "Okkupation" und "Invasion" Russlands zur Wehr setzt – etwas Handfestes dagegen unternehmen kann sie nicht. Einen Hinweis darauf lieferte der neue Innenminister der Ukraine, Arsen Awakow, in seinem Facebook-Eintrag, in dem er Russland zwar vorwarf, "ein bewaffnetes Blutvergießen" zu provozieren. Gleichzeitig appellierte er jedoch an die Diplomatie, die jetzt sprechen müsse. Gemeint war wohl die internationale Staatengemeinschaft, auf dessen Hilfe Interimspräsident Alexander Turtschinow und sein Kabinett hoffen.

Jeder Versuch der Zentralregierung der Ukraine, allein auf der Krim durchzugreifen, dürfte mit großer Wahrscheinlichkeit zum Scheitern verurteilt sein und könnte die Gewalt eskalieren lassen. Die prorussische Bevölkerung hatte in den vergangenen Wochen zwar noch dem Sturz Janukowitschs stillschweigend zugestimmt. Doch mittlerweile fühlen sich die Menschen vor allem auf der Krim durch die neue Regierung in Kiew bedroht. Der entscheidende Zündfunken für die Proteste auf der Halbinsel war die Abschaffung von Russisch als zweiter Amtssprache. Das Gesetz zählte zu den ersten Amtshandlungen der neuen Regierung. Solche Symbolpolitik spielt der russischen Propaganda in die Hände, die die Kiewer Revolutionäre seit Monaten als eine neonazistische Bande darzustellen versucht. Die Unfähigkeit der neuen Regierung, die Russen im eigenen Land als Verbündete im Kampf für Demokratie zu gewinnen, ist einer der Gründe, warum es nach dem Umsturz so gefährlich weiterbrodelt.

So gefährlich die Proteste für die Ukraine sind, so wohltuend werden sie in Teilen Russlands wahrgenommen. Die Demonstrationen auf der Krim wirken wie Balsam gegen das Gefühl schwindenden Einflusses, nachdem die Ukraine bereits zum zweiten Mal innerhalb von zehn Jahren nach Europa zu entlaufen droht.

Putins Propaganda von den Nazis

Die Männer von der "russischen Selbstverteidigung" auf der Krim, wie sie sich nennen, agieren unverhohlen im Interesse Moskaus. So zog der Staatssender Rossija 24 nach der Besetzung des Flughafen in Simferopol Parallelen zum Einmarsch russischer Truppen auf dem Flughafen von Prishtinë im Kosovo, während des Jugoslawienkrieges Ende der 1990er Jahre: Damals hatten russische Fallschirmjäger mit der Besetzung einen kleinen Propagandasieg gegen die übermächtige Nato errungen.

Dass Russland so offen seine Interessen durchzusetzen versucht, dürfte nicht zuletzt damit zusammenhängen, dass Putin sich durch die eigene Propaganda in Zugzwang gebracht hat. Seit Wochen werden russische Fernsehzuschauer mit Nazi-Vergleichen und historischen Verweisen auf die Hitler-Kollaborateure in der Ukraine bombardiert. Putins Anhänger dürften sich bei ausbleibendem Eingreifen fragen, warum Russland nichts unternimmt, wenn in Kiew doch tatsächlich nun Neonazis regierten. Ohnehin gilt für die meisten Russen ein natürlicher Besitzanspruch auf die Halbinsel, die Krim ist für sie bestenfalls durch ein Missverständnis noch Teil der Ukraine: Einst hatte der sowjetische Herrscher Nikita Chruschtschow die russische Autonome Republik der Ukraine zugeordnet.

Wie weit Putin im Konflikt um die Krim gehen will, ist also kaum vorherzusagen. Die Drohkulisse ist bereits immens, auch wenn er am Freitag seinen Willen zur Deeskalation bekundete. Und just am selben Tag wurde ein Gesetzesentwurf in die Duma eingebracht, dass die Annektion ausländischer Gebiete an Russland vereinfachen soll.