Die Ära des Viktor Janukowitsch ist beendet. Er hat die Menschen in der Ukraine gegen sich aufgebracht, durch persönliche Bereicherung und autoritäre Methoden; er hat laviert, als Hunderttausende Regierungsgegner auf dem Maidan Reformen forderten; und er hat das letzte bisschen Legitimität verspielt, als er Scharfschützen auf sein Volk schießen ließ. Findet Janukowitsch nun kein Regime, das bereit ist, ihm Asyl zu gewähren, erwartet ihn ein Prozess in der Ukraine. Nach ihm wird bereits wegen Massenmordes gefahndet.

Die Ukrainer hoffen nach Janukowitschs Ende auf einen Neuanfang. Aber die alten Eliten haben sich schon in Position gebracht: Die Siegerin der Stunde heißt Julija Timoschenko. Sie wurde am Samstag in einem Ad-hoc-Akt aus dem Gefängnis befreit und eilte sofort auf den Maidan, um mit den Regimegegnern auf dem Platz den Sieg zu feiern.

Die Demonstranten empfingen sie zwar zurückhaltend, doch Timoschenko hat die Gunst der Stunde genutzt und die bisherige Opposition in den Schatten gestellt. Das Triumvirat aus Vitali Klitschko, dem Nationalisten Oleg Tjagnibok und Timoschenkos Vertrauten Arseni Jazenjuk, das über Monate den Protest auf politischer Ebene vertrat, war am Tag des Sieges über Janukowitsch kaum zu sehen. Die drei waren am Abend zuvor auf dem Maidan ausgepfiffen worden, weil sie mit Janukowitsch noch Vereinbarungen unterzeichnet hatten, während Scharfschützen die Demonstranten zusammenschossen. Einzig Jazenjuk stand am Samstag noch auf der Bühne, aber da, wo eigentlich immer sein Platz gewesen war – in der zweiten Reihe hinter Timoschenko.

Die Schlüsselpositionen in der Übergangsregierung haben ebenfalls Timoschenkos Vertraute übernommen: Alexander Turtschinow, ein enger Weggefährte seit den neunziger Jahren, ist Parlaments- und Übergangspräsident. Die Abgeordneten wählten außerdem Arsen Awakow aus Timoschenkos Vaterlandspartei zum neuen Innenminister.

Der Maidan liebt Timoschenko nicht

Dabei hatte der Maidan nie für Timoschenko gekämpft. Für viele Demonstranten verkörpert sie das alte politische System, das von zynischen Machtspielen mit Unterstützung von Oligarchen und den von ihnen kontrollierten Parlamentsabgeordneten geprägt war. Und Timoschenko hat – wie der eben aus dem Amt vertriebene Janukowitsch – eine dunkle Vergangenheit: In den neunziger Jahren wurde sie steinreich mit einem dubiosen Firmengeflecht, das russisches Gas für die Ukraine ankaufte. Zudem wird Timoschenko maßgeblich für das Scheitern der Orangenen Revolution verantwortlich gemacht, weil sie sich in sinnlosen Machtkämpfen mit dem damaligen Revolutionshelden und späteren Präsidenten Viktor Juschtschenko verstrickte  – und am Ende Janukowitsch ins Präsidentenamt zurückkehrte. Deshalb forderten Vertreter des Maidan und bekannte Journalisten am Wochenende, Timoschenko solle sich aus der Politik zurückziehen. 

Doch der Maidan repräsentiert nicht das Wahlvolk. Und ohne einen Kandidaten aus der Ostukraine – bislang ist niemand in Sicht, der Janukowitschs Nachfolge antritt – könnte Timoschenko jene sein, der die Menschen im durch den Umsturz verunsicherten Osten und Süden des Landes noch am ehesten vertrauen. 

Timoschenko hat ihren Einfluss während ihrer Zeit im Gefängnis nicht verloren, und die Oligarchen des Landes werden versuchen, sich mit einer mächtigen Figur zu verbünden, die ihnen garantieren kann, dass ihre Geschäftsimperien unangetastet bleiben. Unabhängig vom Schicksal der Partei der Regionen funktionieren im Parlament noch die großen inoffiziellen Parlamentariergruppen, die von wenigen mächtigen Unternehmern kontrolliert werden. Zwar erklang auf dem Maidan und in den Medien dann und wann der Ruf nach "Entmachtung der Oligarchie". Aber abgesehen von einigen wenigen Radikalen ist zu diesem Schritt kein Politiker wirklich bereit.