In Kiew hat die Revolution gesiegt – in einem Augenblick, da das Land nach einem Ausbruch blutiger Gewalt im Bürgerkrieg zu versinken drohte. Doch ist dies nur ein Etappensieg. Noch steht dahin, wie es weitergeht in dem seit 22 Jahren unabhängigen Land.

In 20-stündigen Gesprächen hatten die Außenminister des Weimarer Dreiecks – Frank-Walter Steinmeier, Laurent Fabius und Radosław Sikorski – am vorigen Freitag dem angeschlagenen ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch einen Kompromiss mit der Opposition abgetrotzt. Ihr Fünfpunkteplan sah vor: die Rückkehr zur Verfassung von 2004, in der die Rechte des Präsidenten eingeschränkt waren; die Ausarbeitung einer neuen Verfassung bis zum Herbst; die rasche Bildung einer Übergangsregierung unter Einschluss der Opposition; Parlaments- und Präsidialwahlen binnen neun Monaten; schließlich die Untersuchung der Gewaltexzesse in den zurückliegenden drei Monaten.

Nur mit Mühe konnten Sikorski und Steinmeier die Vertreter der Maidan-Demonstranten zur Annahme dieses Reformplans bewegen. Aber am nächsten Tag fegte die Volkswut den uneinsichtigen Präsidenten hinweg. Die Polizei und die Armee verweigerten den Einsatz gegen die Demonstranten, gewichtige Oligarchen fielen von Janukowitsch ab. Im Parlament schlugen sich immer mehr Abgeordnete auf die Seite der Opposition; am Ende beschloss eine Mehrheit die Absetzung des Staatschefs und die unverzügliche Freilassung der seit zweieinhalb Jahren inhaftierten ehemaligen Ministerpräsidenten Julija Timoschenko.

Und nun? Nach einer alten Spruchweisheit gibt es drei Dinge, die man anfängt, ohne zu wissen, wie sie enden: eine Liebe, eine Karriere und eine Revolution. In der Ukraine endete die Orangene Revolution von 2004 in dem autoritären Regime Janukowitschs. Damit die zweite Revolution glücklicher ausgeht, ist dreierlei nötig.

Zum Ersten muss ein Machtvakuum verhindert werden. Das heißt: Die zerstrittene Opposition muss sich einigen, eine baldige Regierungsbildung tut not, Wahlen müssen organisiert, ein Verfassungskonvent muss eingesetzt werden.

Zum Zweiten kommt es darauf an, einen Staatsbankrott abzuwenden. Die Modernisierung der ukrainischen Wirtschaft erfordert nichts weniger als eine Art Marshall-Plan. Die Europäische Union und der Internationale Währungsfonds sind dabei, ein internationales Hilfspaket zu schnüren. Aber warum sollte eigentlich Russland nicht auch dazu beitragen?

Zum Dritten muss alles getan werden, um eine Teilung des Landes zu verhindern. Die Ukraine ist ethnisch, sprachlich, religiös und in ihrem historischen Zugehörigkeitsbewusstsein gespalten. Daher rührt es, dass sie, bei Lichte betrachtet, weder ein funktionierender Staat noch eine funktionierende Nation ist. Eine Zukunft hat sie nur, wenn sie nach innen wie nach außen ihrer Doppelnatur Rechnung tragen kann – nach innen durch eine Föderalisierung, mindestens durch eine großzügige Regelung zum Schutz der Minderheiten; nach außen durch die einander ergänzende Einbindung in die wirtschaftlichen und politischen Netzwerke der Europäischen Union und gleichzeitig in das geschichtlich gewachsene Beziehungsgeflecht mit Russland.

An der ukrainischen Doppelnatur wird der Westen so wenig ändern wie Moskau. Der westliche Einfluss wird bleiben, der russische auch. Ein Nullsummenspiel wird daher keiner gewinnen können. Die Ukraine gehört zu beiden. Niemand tut ihr einen Dienst, der glaubt, sie mit Drohungen oder Verlockungen ganz ins eigene Lager ziehen zu müssen.

Solch ein Tauziehen wäre verheerend. Ein Scheitern, gar ein Zerfall des Staates wäre mit großer Wahrscheinlichkeit die Folge. Das kann der Westen schwerlich wünschen, aber auch Putin nicht. Beide sollten darum auf Provokationen verzichten. Die Ankündigung des Nato-Generalsekretärs, die Beziehungen des Bündnisses zur Ukraine zu intensivieren, ist da ebensowenig hilfreich wie Moskauer Andeutungen, den widerspenstigen Ukrainern den Gashahn zuzudrehen. Vielmehr müssen beide Seiten lernen, die Ukraine als Brücke zu sehen. Lernen sie es nicht, kann das Land leicht zur Walstatt eines neuen Kalten Krieges werden.