Die Erleichterung ist zu Recht groß, darüber, dass es in der Ukraine nicht zum Allerschlimmsten gekommen ist. Nachdem das Schlimmste bereits geschehen war, das mörderische Schießen der Scharfschützen auf dem Maidan mit beinahe 100 Toten. Wenn die drei Außenminister Polens, Frankreichs und Deutschlands mit ihren zähen Gesprächen einen Beitrag dazu leisten konnten, den vollen Ausbruch eines unkontrollierbaren Bürgerkriegs aufzuhalten (unter Mitwirkung eines Abgesandten Putins, wie Frank-Walter Steinmeier betonte), dann ist dies umso besser.

Aber auch wenn der bisherige Staatspräsident Janukowitsch vom Parlament seiner Funktionen enthoben wurde, wenn die Regierung in die Wüste geschickt wurde und die nun interimistischen Machthaber erst einmal nur bis zu den jetzt für den Mai versprochenen Wahlen agieren, so ist doch bisher nicht viel mehr klar, als dass eben das Allerschlimmste verhindert werden konnte.

Viel zu viele Fragen bleiben noch offen. Erstens: Die Freilassung von Julija Timoschenko, welche der Westen vor allem aus humanitären Gründen verlangt hatte und weil der gegen sie geführte Prozess mit rechtsstaatlichen Normen nicht das Geringste zu tun hatte, ist einschränkungslos zu begrüßen.

Aber wenn sie aus politischen Motiven eingesperrt wurde, aus welchen politischen Motiven wurde sie nun so schnell freigelassen? Um jenem Teil der Opposition, der sich um den im Westen hofierten Vitali Klitschko schart, das Wasser abzugraben und Klitschko selbst den Einzug ins Präsidentenamt zu verlegen? Und Julija Timoschenko selber: Wäre sie, rein politisch betrachtet, nur eine Lösung des Problems oder ist sie nicht auch ein Teil desselben?

Zweitens: Bei wem eigentlich liegen die Reste der Macht in der Ukraine? Wer wird sie künftig wozu nutzen können? Die Durchhaltekraft der Demonstranten, jedenfalls der friedlichen Mehrheit von ihnen, ist zu bewundern. Ohne ihr Ausharren auf dem winterkalten Platz würde Janukowitsch noch im warmen Palast ausharren.

Aber war es, machtmechanisch betrachtet, allein die Opposition, unterstützt durch westliche Fürsprecher, die den Wandel erzwungen hat? Welche Rolle spielten die mächtigsten (korrupten) Oligarchen, die im Hintergrund aus unterschiedlichen Interessen verschiedene Teile der Opposition unterstützten; was werden sie tun, um künftig ihre Schäfchen im Trockenen zu halten?

Drittens: Die Abgesandten der EU haben mit dem Abgesandten Putins zwar zusammengewirkt, um eine abgrundtiefe Katastrophe in der Ukraine abzuwenden, die sowohl den Interessen Russlands als auch Europas zuwidergelaufen wäre. Aber damit ist die versimpelte Frage: "Wohin gehört die Ukraine, zu Russland oder zur Europäischen Union?" noch lange nicht geklärt, auch wenn sie so primitiv weder zu stellen noch zu beantworten ist.

Das sei allein eine Frage an die Ukraine? Schön wär's. Weder wird Putin auf seine Möglichkeiten verzichten, Kiew mit Liebes-, Geld- und Gasentzug zu drohen, noch kann die EU ihr Kooperationsangebot fallen lassen und damit das Land endgültig dem russischen Machtstreben ausliefern und dem von dort aus angestrebten Wirtschaftsverbund mit seinen politischen Dominanzen.

Solange aber niemand weiß, wie eine Antwort auf die Frage aussehen könnte, wohin die Ukraine gehört, und zwar eine Antwort mit der vor allem das Land selber, sodann aber die EU sowie Russland leben wollen, solange glimmt die Lunte unter diesem Sprengsatz weiter.

Und ein Letztes: Vielleicht sollte unser Ex-Kanzler und Putin-Versteher Gerhard Schröder sich mit seinen Ratschlägen etwas mehr zurückhalten. Europa habe sich, weil Partei im Streit, als Vermittler disqualifiziert; jetzt müsse sich die UN einschalten. Nicht nur, dass der damit die Anstrengungen Steinmeiers desavouiert hat, nicht nur dass das Ergebnis Schröders Unkerei schneller widerlegt hat als die UN hätte am Platz sein können: Was ist eigentlich dagegen zu sagen, dass die Europäische Union ein vitales Interesse an der Zukunft der Ukraine hat? Und nicht nur Russland?