Wieder die Ukraine! Kaum tragen die Olympischen Spiele in Sotschi das Bild eines modernen und erfolgreichen Russlands um die Welt, da gerät sie in den Schatten der Kiewer Straßenschlachten. Russlands Vertrauter Wiktor Janukowitsch, der bei der Eröffnungsfeier noch die ukrainische Fahne durch die Luft gewedelt hatte, fehlte beim Abschluss wegen Präsidentensturzes. Schon die orangefarbene Revolution vor gut zehn Jahren hatte dem russischen Präsident Wladimir Putin einen seiner größten außenpolitischen Rückschläge erteilt. Damals wie heute trifft auch Moskau eine Mitschuld.

Der Versuch, die wirtschaftliche Krise der Ukraine auszunutzen und den eigenen Einfluss durch einen spendablen Kredit in Höhe von 15 Milliarden Dollar, gesenkte Gaspreise und eine Umstruktierung der Gasschulden Kiews zu erhöhen, schien zuerst aufzugehen. Moskau braucht die Ukraine als Mitglied in der Zollunion, um aus dem Handelsbund mit Weißrussland und Kasachstan ein international bedeutendes politisches Projekt zu formen.

Der ukrainische Präsident war zwar in Moskau wenig beliebt, aber Janukowitsch hatte immerhin den vertrauten Stallgeruch des sowjetisch geprägten Staatsführers mit harter Hand. Jetzt steht einmal mehr Russlands Ukraine-Politik vor der Neubestimmung und auch innenpolitisch dürfte der Kreml reagieren. Denn kaum etwas muss ihn mehr erschrecken als die Aussicht eines Moskauers Maidans. Für die autoritären Regierenden in anderen Republiken der ehemaligen Sowjetunion gab Kiew Anschauungsunterricht wie auf einem Truppenübungsplatz der inneren Sicherheit.

In Russland werden die Schockwellen der ukrainischen Revolution vorerst verebben. Zwar fühlt sich die Moskauer Protestbewegung inspiriert, übernimmt ukrainische Losungen ("Nieder mit der Bande!") und ruft seit Kurzem bei Demonstrationen auch: "Der Maidan liegt um die Ecke!" Doch die Proteste schwächeln derzeit. Es fehlt an einem politischen Programm, an charismatischen Oppositionsführern und an einer Strategie. Vorerst reichten Putins verschärftes Demonstrationsrecht und die Prozesse gegen einige Oppositionelle als Drohung aus, um den Unmut in die heimischen Küchen zurückzudrängen.

Opposition als vom feindlichen Ausland gedungene Volksverräter

In der russischen Gesellschaft hat sich die Angst vor den Regierenden stärker erhalten als in der Ukraine. Dort ist die Verheiligung der Mächtigen schon in den neunziger Jahren geschwunden. Auch haben viele in Russland vor allem in der unzufriedenen Mittelschicht mehr zu verlieren als in der ärmeren Ukraine, wenn sie auf die Straße gehen. Blanke Not ist in Russland kein Treibstoff für den Aufstand von unten.

Zudem fehlt dem Protest in Russland die nationale Idee, die vom Baltikum bis zum Südkaukasus in unterschiedlicher Geschwindigkeit die Befreiung von der russischen Dominanz forderte. Für viele Ukrainer vor allem im Westen und in der Mitte des Landes ist nationale Selbstfindung verbunden mit einer Hinwendung zu Westeuropa. Sie ließ verschiedene politische Gruppen zumindest zeitweise zusammenrücken zu einer Einigkeit, die der russischen Opposition fremd ist.

In der Ukraine gelingt es zudem der staatlichen Propaganda nicht, die Gesellschaft so tief wie in Russland zu durchdringen. Die Zahl und Reichweite der alternativen Informationsmedien ist größer – wie auch das Interesse an ihnen. In Russland dominieren dagegen die staatlich kontrollierten Fernsehkanäle. Sie verunglimpfen die Opposition als vom feindlichen Ausland gedungene Volksverräter. Die Aufständischen in der Ukraine kamen nicht besser weg: Extremisten seien sie, Rechtsradikale oder Terroristen. Die Diffamierung durch russische Journalisten ging soweit, dass diese den angeblichen Sohn des ukrainischen Serienmörders Andrej Tschikatilo auf seinem Weg zum Maidan begleiteten, wo er, so der Fernsehkommentar, allen bekannt sei. Die Aura des Massenmörders, der "Bestie von Rostow", sollte auf die ukrainische Protestbewegung übergehen.