Europäische Spitzenpolitiker unternehmen einen neuen Versuch, die politischen Gegner in der Ukraine an den Verhandlungstisch zu bringen. Dazu reist Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) mit seinen französischen und polnischen Kollegen nach Kiew. "Wir wollen in Kiew mit Präsident Janukowitsch und den Vertretern der Opposition sprechen, um darauf zu dringen, jetzt beiderseits eine Atempause einzulegen und die Gewalt herunterzufahren", sagte der SPD-Politiker am Morgen vor seinem Abflug in die ukrainische Hauptstadt. "Wir wollen helfen, wieder einen Weg in Verhandlungen über eine politische Konfliktlösung zu finden."

Nach seiner Ankunft will er zunächst mit Laurent Fabius und Radoslaw Sikorski in der deutschen Botschaft zusammenkommen. Anschließend sind Gespräche mit den Oppositionsführern Arseni Jazenjuk, Oleg Tiagnibok und Vitali Klitschko geplant, bevor die drei europäischen Minister im Präsidentenpalast mit Staatschef Janukowitsch zusammenkommen wollen.

"Ob es uns gelingen kann, Schlimmeres zu verhindern, können wir nicht wissen, aber den Versuch zu unternehmen, ist für mich Teil unserer europäischen Verantwortung", sagte Steinmeier. Die drei Minister wollten am Nachmittag von Kiew nach Brüssel fliegen, wo sie auf einer Dringlichkeitssitzung der EU über die Lage in der Ukraine Bericht erstatten wollten.

Große Hoffnung der Opposition

Die Opposition um Klitschko verbindet mit dem Besuch der drei Außenminister große Hoffnungen. "Das grausame Wirken dieses Diktators muss endlich beendet werden", schrieb der frühere Box-Champion in seiner Kolumne für die Bild-Zeitung. "Wir hoffen, dass der gemeinsame Besuch des deutschen und französischen Außenministers der ganzen Welt den Druck zeigen wird, dem Janukowitsch jetzt ausgesetzt sein muss." Klitschko berichtete von seinem Treffen mit Janukowitsch in der Nacht, wo er den Präsidenten verändert erlebt habe. "Ich hatte bei dem Gespräch das Gefühl, dass der große Druck endlich wirkt."

Bei dem Treffen hatten sich beide Seiten überraschend auf eine Waffenruhe geeinigt. Nach Angaben des Präsidialamts sollen nun Verhandlungen aufgenommen werden, um weiteres Blutvergießen zu verhindern. Oppositionsführer Jazenjuk bestätigte, dass so eine Räumung des von der Opposition belagerten Unabhängigkeitsplatzes in Kiew durch die Polizei habe verhindert werden können. "Das Wichtigste ist der Schutz von Menschenleben", fügte er hinzu und sieht sich damit einig mit US-Präsident Barack Obama, der den vereinbarten Gewaltverzicht begrüßte. "Meine Hoffnung ist an diesem Punkt, dass das Abkommen halten möge", sagte er und fügte – auch mit Blick auf eventuelle Sanktionen – hinzu: "Worten müssen nun Taten folgen."

In Kiew war es in den vergangenen Tagen zu massiven Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei gekommen. Insgesamt wurden dabei bis Mittwoch mindestens 26 Menschen getötet, darunter zehn Polizisten. Hunderte weitere Menschen wurden bei den Straßenschlachten im Zentrum der Hauptstadt verletzt. Am Mittwoch entließ Janukowitsch den Oberkommandeur der Streitkräfte, der einen Einsatz der Armee abgelehnt hatte, "um die Rechte der Bürger zu beschränken". Zugleich wurde ein Anti-Terror-Einsatz angekündigt und der Armee erlaubt, Menschen zu kontrollieren und festzunehmen.