Russland zweifelt nach dem Machtwechsel in der Ukraine die Rechtmäßigkeit der Übergangsregierung an. "Falls sich die Leute, die in schwarzen Masken und mit Kalaschnikow-Sturmgewehren durch Kiew schlendern, als Regierung bezeichnen, so wird die Arbeit mit einem solchen Kabinett sehr schwierig sein", sagte Ministerpräsident Dmitri Medwedew der Agentur Interfax. "Es gibt niemanden, mit dem wir dort sprechen könnten."

Medwedew kritisierte auch die Anerkennung der Übergangsregierung durch den Westen. "Ich weiß nicht, welche Verfassung sie gelesen haben, aber es erscheint mir als eine Verirrung, für legitim zu halten, was in Wahrheit das Ergebnis einer bewaffneten Revolte ist", sagte er. Die Legitimität der ukrainischen Institutionen stehe in "ernstem Zweifel".

Das russische Außenministerium teilte mit, unter Berufung auf "revolutionäre Interessen" würden in der Ukraine Gesetze beschlossen, die die "Menschenrechte der Russen" verletzten. "Man orientiert sich hin zu einer Repression derer, die in verschiedenen Regionen der Ukraine nicht mit den diktatorischen und teils terroristischen Methoden einverstanden sind." Der Vorwurf bezieht sich unter anderem auf den Beschluss des ukrainischen Parlaments, Russisch als zweite Amtssprache abzuschaffen.

Der russische Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew hat zudem der künftigen ukrainischen Regierung gedroht, die Handelsbeziehungen beider Staaten zu reduzieren. Sollte die Ukraine ein Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union unterzeichnen, sei Russland gezwungen, die Importzölle zu erhöhen, sagte Uljukajew dem Handelsblatt.

Die Ukraine könne ihren Weg selbst bestimmen. Wegen des Freihandels in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) werde Russland aber im Falle eines ukrainischen Abkommens mit der EU mit zollfreien Waren aus Europa überschwemmt, sagte Uljukajew. Er schloss daher aus, dass die Ukraine nach Unterzeichnung eines Assoziierungsabkommens ein bedeutender Handelspartner Russlands bleiben werde. "Das eine ist mit dem anderen nicht vereinbar." Die russische Regierung trete aber für dreiseitige Verhandlungen zwischen Russland, der EU und der Ukraine über die Wirtschaftspolitik ein. Weitere Kredite an die Ukraine hingen davon ab, welches Programm die dortige künftige Regierung verfolge.

Die Übergangsregierung in Kiew hatte am Morgen mitgeteilt, finanzielle Unterstützung in Höhe von 35 Milliarden Dollar zu benötigen. Ein Sprecher der EU-Kommission kündigte an, man sei zur Hilfe bereit, sofern die Regierung ein Reformprogramm verfolge. Über die Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens könne mit einer neu gewählten Regierung erneut verhandelt werden. "Wir sind bereit, das Assoziierungsabkommen zu unterzeichnen und dem Land in diesen schwierigen Zeiten zu helfen", sagte EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy.

Bundesregierung will Bankrott der Ukraine verhindern

Auch die Bundesregierung kündigte wirtschaftliche Hilfe an. Es sei im Interesse aller, dass die Ukraine nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich stabilisiert werde, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) will mit dem Internationalen Währungsfonds über mögliche Finanzhilfen für die Ukraine sprechen. Es gelte, einen Bankrott des Landes zu verhindern, sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amts.

Die ukrainische Opposition hatte am Wochenende nach monatelangen Demonstrationen die Macht im Parlament übernommen und Präsident Viktor Janukowitsch abgesetzt. Auslöser der Proteste war Janukowitschs Entscheidung, die Unterzeichnung eines bereits ausgehandelten Assoziierungs- und Freihandelsabkommens mit der EU abzusagen und sich stärker Russland zuzuwenden.