Der Hilferuf kam per Twitter: "Bitte, es ist nicht nur die Ukraine, helft!" schickte ein Blogger namens @venezuelaeuropa am Donnerstagabend durchs Netz. Da hatte die deutsche Öffentlichkeit sich gerade ein wenig von den Bildern des brennenden Unabhängigkeitsplatzes in Kiew erholt und hoffte auf eine ruhige Nacht in der Ukraine.

Nach Venezuela schaute fast niemand. Dabei brannten auch dort die Straßen. Normalerweise liege die Hauptstadt Caracas nachts im Dunkeln, berichtete ein BBC-Korrespondent. Jetzt aber seien wegen der vielen angezündeten Müllhaufen die Straßen hell erleuchtet. Die Demonstranten blockierten mit den brennenden Barrikaden den Verkehr. Wenn die Einsatzkräfte auftauchten, seien die Aufrührer schon längst woanders. "Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel."

Das mag für deutsche Leser wie eine Kabbelei anmuten – aber in Caracas wurde scharf geschossen. Präsident Nicolás Maduro hatte die Militärpolizei auf die Straßen geschickt. Für ihn waren die Demonstranten Faschisten, die ihn aus dem Amt putschen wollen, und so ordnete er an, ihnen mit aller Härte zu begegnen. Seine Polizisten verfolgten die Errichter der Barrikaden und warfen Tränengasgranaten in die Häuser, wo sie ihre Gegner vermuteten – und sie schossen mit Schrotkugeln. Zahlreiche Menschen wurden allein in dieser Nacht verletzt. Nachrichtenagenturen zufolge sind in Venezuela seit Beginn der Unruhen vor gut einer Woche mindestens sechs Menschen getötet worden.

Ein der Opposition nahestehendes Blog beschrieb die Nacht von Donnerstag auf Freitag drastisch: "Vom Staat bezahlte Paramilitärs auf Motorrädern fuhren durch Viertel der Mittelklasse. Sie schossen auf Menschen und stürmten Wohnblocks, auf jeden schießend, der scheinbar protestieren wollte. (…) Wir haben Videos von Soldaten, die auf den Straßen auf Zivilisten schießen (...) Was wir gesehen haben, sind keine 'Zusammenstöße auf den Straßen', sondern eine vom Staat ausgebrütete Offensive, um die Opposition zu unterdrücken und zu terrorisieren."

Motorradbanden sollen Jagd auf Menschen machen

Solche Angaben im Detail zu überprüfen ist schwer. Im Netz zirkulieren viele Falschinformationen. Aber unabhängige Experten bestätigen zumindest die Existenz der Motorradbanden. "Wir haben verlässliche Informationen, dass motorisierte Gruppen in der Nacht zum Donnerstag in Wohnviertel eingedrungen sind", sagt Javier Ciurlizza, Programmdirektor für Lateinamerika bei der International Crisis Group in Bogotá. Sie seien zum Beispiel ins wohlhabende Viertel Altamira gekommen und hätten in die Luft oder durch Fensterscheiben in Wohnungen geschossen. Augenzeugen berichteten, die Schützen wollten die Einwohner zwingen, in ihren Häusern zu bleiben – vermutlich, um eine Intensivierung der Proteste zu verhindern.

Wer wirklich auf den Motorrädern saß, lässt sich kaum klären. Es könnten Polizisten gewesen sein oder Mitglieder der sogenannten "Colectivos", einer Art Bürgermiliz, die sich als Verteidiger der Revolution von Hugo Chávez sieht. Sie werden wohl von der Regierung gefördert, agieren aber mit einer gewissen Autonomie. Die Lage sei momentan sehr undurchsichtig, sagt Ciurlizza. "Es könnte sein, dass die Motorradgruppen sich zumindest in Caracas auch spontan gebildet haben."

Dem Sicherheitsexperten zufolge eskalierte die Gewalt in den Hochburgen der Opposition, in den Städten San Cristóbal de Táchira und Valencia sowie in der Hauptstadt Caracas. In San Cristóbal de Táchira nahmen die bis heute andauernden Demonstrationen am 12. Februar ihren Anfang. Leute gingen auf die Straße, weil ein Vergewaltiger straflos davongekommen sein soll. Daraufhin breiteten sich die Proteste im Land aus.