Andreas Honegger steht auf dem Sonnenberg über Zürich und schaut auf seine Heimatstadt. Er ahnt Schlimmes, wenn er an ihre Zukunft denkt: "Rund um den Zürichsee ist schon jetzt alles zugebaut. Die Städte dehnen sich immer weiter aus und werden zu einem einzigen Moloch. Wenn das so weiter geht, gibt es bald keine Grünflächen mehr im Land." Vor 66 Jahren ist der Journalist in Zürich geboren und hat die Stadt seitdem nie verlassen. Er hat das Lokalressort der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) geleitet und vertrat die Stadt im kantonalen Parlament.

Jetzt, als Rentner, kämpft er wieder für Zürich – als Botschafter für die "Volksinitiative gegen Masseneinwanderung" von der rechtspopulistischen Schweizerischen Volkspartei (SVP). "Wer die Berge liebt, die Sümpfe, Wiesen, Auen, der muss wohl der Einwanderungsinitiative der SVP zustimmen ", schrieb Honegger vor zwei Wochen in der NZZ.

Die SVP will gesetzlich regeln, wie viele Migranten ins Land dürfen. Dafür will sie Höchstzahlen und Kontingente festlegen, die sich nach den gesamtwirtschaftlichen Interessen des Landes richten. Ausländische Bewerber sollen nur dann eingestellt werden, wenn es keine geeigneten Schweizer Bewerber finden.

Knapper Wohnraum, überfüllte Straßen

"80.000 Menschen wandern jährlich in die Schweiz ein, das ist zu viel für dieses kleine Land. Unsere Straßen sind überfüllt, Wohnungen werden knapp, die Städte platzen aus allen Nähten", sagt Yvette Estermann, Nationalrätin für die SVP in Luzern. Sie ist selbst vor 21 Jahren aus Bratislawa in die Schweiz eingewandert. "Ich bin nicht kriminell gewesen und ich war kein Sozialfall – ich müsste mir auch heute keine Sorgen machen, dass ich nicht ins Land darf", sagt sie.

Nur: Wie genau soll das Auswahlverfahren für die perfekten Einwanderer aussehen? Die Mehrheit der Einwanderer in die Schweiz sind gut qualifiziert und weder Gewaltverbrecher noch Sozialfälle. Darauf kann Estermann keine Antwort geben. "Erstmal muss die Initiative durchkommen, dann ist der Bundesrat in der Pflicht, ein Gesetz zu erarbeiten", sagt sie.

Schlimme Folgen für die Wirtschaft

Für Nina Zosso, Generalsekretärin der Bürgerlich Demokratischen Partei (BDP), wäre es fatal, wenn es soweit kommt: "Die SVP vermischt hier Asyl- und Einwanderungspolitik und betreibt eine gefährliche Polemik. Diese Initiative ist die wichtigste der ganzen Legislatur. Kommt sie durch, hätte das schlimme Folgen für unsere Wirtschaft und den Wohlstand in diesem Land."

Zosso ist Teil einer breiten Front gegen das Volksbegehren: Alle politischen Parteien, National- und Ständerat, sowie die Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände warnen vor der "Abschottungsinitiative". Sie fürchten um die Beziehungen zur EU und um ausländische Fachkräfte, die die Schweiz dringend braucht. Allein im Gesundheitswesen, schätzt der Berufsverband der Pflegefachkräfte, stammen rund 30 bis 40 Prozent des Personals aus dem Ausland. Ähnliches gilt für Gastgewerbe, Tourismus und Hochschulen.

Vor den Gebäuden der ETH Zürich, der Technischen Hochschule, haben Bauarbeiter eine tiefe Schneise in die Wiese geschlagen. Hier entstehen Studentenwohnheime, vor allem ausländische Studenten sollen hier wohnen. Rund ein Drittel der Studierenden an der ETH sind Ausländer, unter den Dozenten sind es sogar zwei Drittel.

Katastrophe für die Wissenschaft

"Für die Hochschulen wäre es eine Katastrophe, wenn die Initiative durchkäme. Die Wissenschaft ist auf fortwährenden internationalen Austausch angewiesen. Ohne ihn könnten wir nicht auf dem qualitativen Niveau arbeiten, wie wir es jetzt tun", sagt Philip Ursprung, Professor für Kunst- und Architekturgeschichte an der ETH.

Als die SVP vor fünf Jahren eine Kampagne gegen "den deutschen Filz" an Schweizer Hochschulen startete, initiierte Ursprung einen Gegenappell, dem sich innerhalb weniger Stunden hunderte Hochschulmitarbeiter anschlossen. "Wenn wir Qualität im Hochschulbereich haben wollen, brauchen wir die interessantesten Menschen aus der ganzen Welt. Nachzuweisen, dass es für jede zu besetzende Stelle keine qualifizierten Schweizer Bewerber gibt, wäre ein riesiger bürokratischer Aufwand."