Als wären sie kleine Kinder, hat der türkische Premier Recep Tayyip Erdoğan seinen Bürgern Hausarrest verordnet – und ignoriert, dass das Haus auch Fenster hat. Viele Fenster. Und die Kinder sehr genau wissen, wie sie durch diese Fenster gelangen und ihn von draußen auslachen können.

Zwei, vielleicht drei Minuten dauert es, die von der türkischen Regierung verhängte Twitter-Sperre zu umgehen. Umleitungsseiten, VPN-Dienste, Apps, twittern per SMS – die Möglichkeiten sind zahllos. So kommt es, dass wenige Stunden nach der Sperre die allermeisten türkischen Nutzer längst wieder munter weitertwittern – und ihren Premier mit Spott überhäufen. Laut der türkischen Statistik-Seite twittturk ist die Anzahl der von türkischen Nutzern abgesetzten Tweets nicht zurückgegangen.

Die Twitter-Zensur, der Knebel fürs eigene Volk, ist zuerst eine Steilvorlage für Erdoğans Gegner. Doch als hilflosen Kontrollversuch einer vermeintlich unkontrollierbaren Internetöffentlichkeit sollte man sie trotzdem nicht abtun. Sie könnte ein Wendepunkt in der türkischen Politik sein. Weil die türkische Regierung damit so tief in die Freiheitsrechte ihrer Bürger eingreift wie sonst nur echte Diktaturen.

Nur in China ist Twitter gesperrt, selbst der Iran hat es wieder erlaubt. Außerdem lässt sich die jetzige Blockade (eine DNS-Sperre) noch leicht umgehen. Sollte die türkische  Regierung auch beginnen, IP-Adressen zu sperren, würde das deutlich schwerer werden. Wenn bald, wie Erdoğan angekündigt hat, auch Facebook und Youtube gesperrt werden sollten, wäre es spätestens dann eine Einschränkung der Meinungsfreiheit, die alle Annäherungen zwischen Türkei und der EU zunichte machen würde. Eine EU-Mitgliedschaft der Türkei ist sowieso schon Makulatur. Wenn Erdoğan so weitermacht, dann ist er aber nicht mal mehr ein Partner.

In kaum einem Land sind so viele Internetnutzer bei Twitter aktiv wie in der Türkei. Die Financial Times berichtete im vergangenen Oktober unter Berufung auf die Beratungsfirma eMarketer, dass die Türkei mit 31 Prozent die höchste Twitter-Rate weltweit habe. In der Rangliste der Länder mit den meisten Twitter-Klicks (ohne Mobil und Apps) liegt die Türkei auf Rang vier.

Seit den Gezi-Protesten vor knapp einem Jahr ist Twitter einer der wichtigsten Wege, über den Erdoğans Gegner ihren Protest organisieren. Schon damals bezeichnete er die Plattform als "Plage". Seit vergangenem Dezember dann, seit ein gigantischer Korruptionsskandal ins Rollen gekommen ist, in dessen Mittelpunkt Erdoğan und seine Vertrauten stehen, tauchen im Internet alle paar Tage neue vermeintliche Mitschnitte von Telefongesprächen auf, die ihn schwer belasten. Verbreitet werden sie über Youtube, aber auch über Twitter. Schon in der Vergangenheit waren immer wieder Websites in der Türkei gesperrt, auch Youtube, allerdings aus vermeintlich moralischen Gründen (Pornografie), und nicht aus politischen. Wenn der Premier jetzt glaubt, er könne weitere Leaks über sich verhindern, indem er ein paar Websites sperrt, dann hat er das Internet nicht verstanden.