Eigentlich sollte der Westen nicht überrascht sein, wenn Russland sechs Jahre nach dem Krieg in Georgien wieder militärische Gewalt in seiner nächsten Nachbarschaft einsetzt.

Präsident Putin folgt auch diesmal dem Lehrbuch "Eingefrorene Konflikte für Anfänger": Invasion eines souveränen Staates durch Vorspiegelung falscher Tatsachen. Unterstützung regionaler russenfreundlicher Behörden, Durchführung einer Volksbefragung zur Selbstbestimmung. Panikmache unter dem russisch sprechenden Teil der Bevölkerung, dem suggeriert wird, er sei einer lebensgefährlichen Bedrohung ausgesetzt. All das ist nun auf der Krim so, wie es einst in Georgien war.

Sein Übergriff auf ukrainisches Gebiet wurde zu Recht als inakzeptabel und provokativ angeprangert und macht Putin umgehend zu einem internationalen Paria, Tage nur nach dem Ende der Olympischen Winterspiele, für die er Milliarden von Dollar ausgegeben hatte, um seinen internationalen Ruf aufzupolieren.

Das Zeitfenster ist klein

Sollte alles so verlaufen, wie Putin es sich wünscht, wird das Ergebnis des Referendums, das Ende des Monats unter den wachsamen Augen russischer Truppen stattfinden soll, von vornherein feststehen, und die Krim wird ihre Treue zu Mutter Russland erklären – ein Vorwand für Russland, "Friedenstruppen" aufzustellen. Die internationale Gemeinschaft wird das Nachsehen haben.

Transnistrien, Abchasien, Südossetien, Bergkarabach sind Beispiele, die den Erfolg dieser russischen geopolitischen Strategie zeigen. Sie zielt darauf ab, benachbarte Staaten an der kurzen Leine zu führen und Moskaus Wünschen zu unterwerfen. Der Fall der Ukraine liegt nicht viel anders, mit der Ausnahme, dass sie der größte Nachbar Russlands in Europa ist, und dass ohne sie Putins Plan der Neuauflage einer von Moskau kontrollierten politischen und wirtschaftlichen Union nicht funktioniert, die in der Lage ist, mit der EU zu rivalisieren.

Das Zeitfenster des Westens, um den demokratischen Impuls des Maidan zu schützen, ist daher klein. Sollte es in den kommenden Tagen nicht gelingen, denjenigen, die sich dem korrupten und inkompetenten Regime Janukowitschs entgegenstellten, eine klare Vision zu vermitteln, hieße dies, ihren Mut und ihre Entschlossenheit zu verraten. Unzählige westliche Politiker besuchten seit vergangenem November Kiew, um Unterstützung und Solidarität mit jenen Menschen zu signalisieren, die nichts anderes wollen als eine bessere Regierung. Es wäre unverzeihlich und ein immenser historischer Fehler, sollten wir unfähig sein, unsere Worte in Taten umzusetzen. Europa muss jetzt handeln, damit die Ukraine nicht auseinanderbricht.

Die EU-Staats- und Regierungschefs halten am heutigen Donnerstag einen Sondergipfel über die Ukraine ab. Man erwartet zu Recht einen überzeugenden Plan von ihnen. Aber welche Schritte kann die Europäische Union ergreifen, wo doch ein Einsatz von Gewalt gegen Russland ausgeschlossen ist?