ZEIT ONLINE: Herr General, Sie haben vor wenigen Wochen das Kommando im Regionalkommando Nord für Afghanistan übernommen. Wie bewerten Sie die Lage hier?

Bernd Schütt: Die Fortschritte, die ich selber hier in Nordafghanistan beobachten kann, sind enorm. Ich bin zum dritten Mal in Afghanistan. Das erste Mal war ich 2006 im Land als Kommandeur des regionalen Wiederaufbauteams in Faisabad. Damals ging es noch darum, die Stabilität in die Fläche zu bringen. 2011 und 2012 war ich dann hier im Hauptquartier in Masar-i-Scharif. Bei meinem zweiten Einsatz haben wir begonnen, die Sicherheitsverantwortung an die Afghanen zu übergeben. Heute planen die afghanischen Sicherheitskräfte ihre Operationen selber und ziehen erfolgreich ins Gefecht. Und auch die Gesellschaft hat sich weiter entwickelt. Neue Schulen und Krankenhäuser wurden eröffnet, die Infrastruktur hat sich verbessert. Die Region Masar-i-Scharif ist aufgeblüht.

ZEIT ONLINE: Am 5. April findet die Präsidentenwahl statt. Wie sieht die Sicherheitslage im Norden wenige Tage davor aus?

Schütt: Ich bewerte die Sicherheitslage als ausreichend. Die afghanische Polizei und Armee haben die Sicherheitsverantwortung im vergangenen Jahr erfolgreich übernommen. In keinem Distrikt haben Aufständische ihnen die Kontrolle entreißen können. In Masar-i-Scharif und anderen größeren Städten kann sich die Bevölkerung frei bewegen. Stabil ist die Gesamtsituation noch nicht, aber ausreichend, damit sich die Region weiterhin gut entwickelt.

ZEIT ONLINE: Momentan läuft eine afghanische Militäroperation im Warduj-Tal, dort kämpft die Armee gegen Aufständische. Teile von Kundus und Baghlan gelten als Rückzugsräume für Taliban. Wie sieht die Situation in den Unruheprovinzen aus?

Schütt: Die Afghanen gehen dorthin, wo der Gegner ist. Das führt zu Gefechten – und auch zu Verlusten. Generell haben sie die Lage aber unter Kontrolle. Im Warduj-Tal geht es weniger um eine ideologische Auseinandersetzung als um finanzielle Interessen der Regierungsgegner. In Kundus und Baghlan hat sich die Situation seit der Übergabe der Sicherheitsverantwortung nicht verändert. Die Sicherheitslage ist zufriedenstellend.

ZEIT ONLINE: Präsident Karsai hat kürzlich Amnestien für Aufständische erlassen. Selbst hochrangige Taliban sind freigelassen worden. Wie sehr beeinflusst das die Sicherheitslage?

Schütt: Diese Maßnahme stößt auf breites Unverständnis – bei der internationalen Gemeinschaft, bei Isaf und auch bei der afghanischen Bevölkerung. Wir versuchen, eine Verschärfung der Sicherheitslage im Norden so gut es geht zu verhindern.

ZEIT ONLINE: Die Taliban bedrohen die Kandidaten für die Präsidentenwahl. Es gab bereits Attentatsversuche. Kann unter solchen Bedingungen überhaupt ein Wahlkampf stattfinden?

Schütt: Die Kandidaten sind gefährdet. Die Taliban wollen eine Regierungsbildung verhindern und möglichst einige der Kandidaten ausschalten. Das ist der afghanischen Regierung bewusst. Alle Kandidaten erhalten besonderen Schutz, gepanzerte Fahrzeuge und zusätzliche Leibwächter.

ZEIT ONLINE: Wie nachhaltig sind die von Ihnen genannten Erfolge? Schließlich drohen die Vereinigten Staaten mit dem Abzug der Truppen zum Jahresende?

Schütt: Nachhaltigkeit bleibt die zentrale Herausforderung, die wir für die kommenden Jahre hier haben. Die internationale Gemeinschaft hat echte Fortschritte erzielt. Nach meiner Auffassung kommt es darauf an, diese ersten Schritte nun auszubauen – und zu sichern. Deswegen brauchen wir dringend eine Folgemission.