Ich gebe auf. Aus mir wird nie ein richtiger Journalist. Seit ich in Deutschland lebe, will ich meine Artikel an Zeitungen in Amerika verkaufen – und schaffe es nicht. Immer wieder fehlte mir die richtige Story. Dann, vergangene Woche, dachte ich: Diesmal klappt's. Auf einmal gibt es so viele Geschichten aus Deutschland, die so bewegend, verstörend, bizarr und reaktionär sind, dass keine amerikanische Zeitung sie ablehnen könnte:

Nationalheld Uli Hoeneß, dessen Fall die tief verwurzelte Korruption und zügellose Geldgier der deutschen High Society entlarvt; die Edathy-Affäre, die die Medien zu einer fröhlichen Hexenjagd verleitet hat, bevor überhaupt festgestellt werden konnte, ob der Mann ein Gesetz gebrochen hat; und dann Literaturpromi Sibylle Lewitscharoff, die die Maske der kultivierten Intellektuellen fallen ließ und sich zu einer unsäglichen Tirade aufschwang gegen Menschen, die mithilfe künstlicher Befruchtung gezeugt wurden, diese als "Halbwesen" bezeichnete und ein Onanieverbot forderte.

Durch das Telefon hörte ich, wie der Redakteur gähnte. "Verrückte gibt es überall", sagte er. "Ja, aber doch nicht in Deutschland", versuchte ich es weiter. "Die Deutschen sind doch so vernünftig, so durch und durch rational, aber das hier, all das ist so bizarr, so lächerlich, es zeigt, dass hinter der Fassade der blanke Wahnsinn lauert! Was ich hier habe, ist German-bashing pur!" Er fragte: "German Basching? Kenne ich nicht. Meinen Sie German Fasching?" Kurzum: Er wollte meine Stories nicht.

Wären diese Dinge in den USA passiert, könnte man sie am nächsten Morgen überall in deutschen Zeitungen lesen. Umgekehrt aber nie: Kein Ami interessiert sich dafür, wenn Matthias Matussek Homosexualität als unnormal beschreibt, wenn der angesehene Schriftsteller Martin Mosebach ein Gesetz gegen Gotteslästerung fordert oder wenn Alice Schwarzer Pädophilie verharmlosend mit Prostitution gleichsetzt.

Sind wir Amis einfach so doof, dass wir uns nicht dafür interessieren, was da draußen in der Welt los ist? Oder sind es vielleicht die Deutschen, die ein Problem haben? Der Autor und RBB-Redakteur Tobias Jaecker meint: Ja – er hat auch ein Buch über das Problem herausgebracht: Hass, Neid, Wahn – Antiamerikanismus in den deutschen Medien.

Der Mann hat gute Arbeit geleistet: Tausende von Beispielen diskriminierender Darstellungen von Amerika und Amerikanern hat er zusammengesucht. Allein die Zeitschriftencover sind haarsträubend: Deutschland stellt den "imperialistischen, kapitalistischen Ami" erstaunlich ähnlich dar wie wir Amis die deutschen und japanischen Kaiser im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Es ist Kriegspropaganda ohne Krieg.

Antiamerikanismus ist in Deutschland heute mehr als salonfähig: Es ist geradezu politisch inkorrekt, eine Gelegenheit dazu verstreichen zu lassen. Letztens unterhielt ich mich auf einer Party mit einer Freundin, die ein Lob für den Grand Canyon aussprechen wollte. Doch das war nicht so einfach, Zeugen waren anwesend. Es reichte nicht zu sagen: "Mann, war das schön." Sie musste vorab ihre Position klären: "Ich bin nun wirklich kein Freund Amerikas", sagte sie, "aber der Grand Canyon, der ist schön."

Die Amis als Negativ-Spiegel

Deutschland hat zwar seit dem Zweiten Weltkrieg erfolgreich den Antisemitismus abgelegt, das entstandene Vakuum jedoch alsbald mit Antiamerikanismus ersetzt. Wenn man in jedem Beispiel, das Jaecker in seinem Buch bringt, das Wort "Amerikaner" mit dem Wort "Jude", "Zigeuner" oder "Neger" ersetzte, hätte man fast schon ein Buch über die Medien in der Nazizeit.

Vielleicht brauchen die Deutschen eine Projektionsfläche für all die unangenehmen Dinge, die sie bei sich entdecken, aber nicht ändern können? In Deutschland zum Beispiel wird Religion heute, wie damals im Kaiserreich, immer noch in Schulen unterrichtet. Anstatt etwa Kirche vom Staat zu trennen, mokiert man sich hierzulande darüber, dass ein paar durchgeknallte Amis wahrscheinlich aus Neid auf das deutsche System erfolglos versucht haben, den Kreationismus in die Schulen Amerikas einzuschmuggeln.

In Deutschland haben Kirche und Staat von höchster Stelle aus entschieden, dass es hier keine Schwulenehe geben wird, wie sie in den USA nach und nach eingeführt wird. Als Trostpreis dürfen deutsche Schwule ihre rechtlich nicht gleichgestellten Partnerschaften "eintragen". Anstatt wütend und leidenschaftlich den ganzen Kuchen zu fordern, tröstet man sich darüber hinweg, dass in den USA immer wieder irgendwelche Hinterwäldler die Schwulenehe zu sabotieren versuchen.

Vielleicht benutzen die Deutschen uns Amis als eine Art Negativ-Spiegel, in den sie gucken können, aber auf dessen Glas in kleingedruckter Schrift steht: "Keine Sorge: Du bist immer noch hübscher als der da."

All das hilft mir aber nicht mit meiner journalistischen Karriere. Nachdem keine amerikanische Zeitschrift will, dass ich für sie auf den Deutschen rumhacke, weiß ich nicht, was ich tun soll. Außer eben in Deutschland auf den Deutschen rumzuhacken.