Stolz hat der Fabrikmanager uns die Feuerschutztüren und die neue Sprinkleranlage gezeigt, hat geduldig über Arbeitszeit und Mindestlohn referiert. Als wir kritisch weiterfragen, verliert er für einen Moment die Beherrschung: "So können Sie nur reden, weil Bangladesch das ärmste Land der Welt ist!"

Willkommen in der Textilindustrie von Dhaka, die unsere Welt mit billigen Jeans und T-Shirts flutet. Die aber auch ihren Beitrag dazu geleistet hat, dass Millionen Bangladescher aus absoluter Armut in relative Armut aufgestiegen sind.

Knapp ein Jahr ist es her, da stürzte in Dhaka das Rana Plaza ein, in dem mehrere Textilfabriken untergebracht waren. 1.133 Menschen fanden damals den Tod. War das Unglück jener "Weckruf", von dem Muhammad Yunus spricht, der Erfinder der Mikrokredite und Friedensnobelpreisträger des Jahres 2006? Von seinem Büro im 16. Stock der von ihm gegründeten Grameen Bank schauen wir über das in der Hitze des Nachmittags brütende Dhaka.

Wache Bangladesch auch diesmal nicht auf, sinniert Yunus, dann seien noch größere Katastrophen unvermeidlich. Einen Boykottaufruf fände er allerdings ganz falsch. Aber die Käufer in Europa oder in den USA müssten eine Option haben. T-Shirts aus Bangladesch könnten zwei Euro mehr kosten und dafür einen Aufnäher tragen: "Ich bin gegen Sklavenarbeit." Oder: "Ich zahle einen Lohn, der zum Leben reicht." Dann, lächelt Yunus, hätten die Konsumenten im Westen die Wahl.

Ein Nachhall des Weckrufs ist bei den großen westlichen Textilketten angekommen. Sie alle schicken jetzt ihre Inspektoren nach Dhaka, und die schauen tatsächlich nach Brandschutz und Fluchtwegen. "Niemand kann meine Arbeiter mehr von außen einschließen", sagt unser Fabrikmanager und rüttelt am offenen, gesicherten Eisentor.

Und: Der Mindestlohn ist gestiegen, aber doch nur auf jämmerliche 5.300 Taka, das sind rund 53 Euro. Im Monat! Der Durchschnittslohn liegt bei 6.500 bis 7.000 Taka. Wer in Dhaka aber halbwegs über die Runden kommen will, braucht mindestens das Doppelte.

Also hausen viele Näherinnen, die vom Land in die Hauptstadt gekommen sind, in Wellblechhütten an dreckigen Abwasserkanälen gleich neben der Fabrik. Sie sparen noch von ihrem kümmerlichen Lohn, um ein wenig Geld nach Hause schicken zu können.

Wirklich wachgerufen hat der Weckruf das Land noch nicht, die Politik nicht und nicht die Fabrikbesitzer. Es bleibt dabei, wie es eine kundige europäische Beobachterin formuliert: "Die Oberschicht nimmt es hin, dass ein Arbeitnehmer unter menschenunwürdigen Bedingungen leben muss."

Muss? Ein Aufnäher verändert gewiss nicht die Welt. Aber wie schön wäre es, wenn T-Shirts aus Bangladesch bei C&A, bei Aldi und Lidl, bei KiK und H&M künftig mit Recht ein Label trügen mit der Zeile: "Ich bin gegen Sklavenarbeit."