Barack Obama steckt in der vielleicht schwierigsten außenpolitischen Krise seiner Präsidentschaft. Zu kämpfen hat er aber weder mit den Taliban, Nachwuchsterroristen unter der Ägide von Al Kaida oder anderen Extremisten, die Terroranschläge auf die USA vorbereiten. Der Feind heißt diesmal Wladimir Putin. Und er ist für den amerikanischen Präsidenten eine echte Herausforderung.

Gegenüber der Presse gibt sich Obama wie immer resolut und selbstsicher, doch hinter den Kulissen, das wissen gut informierte Quellen in Washington zu berichten, kriselt es dieser Tage. Am Dienstag nahm Obama die Veröffentlichung seines neuen Haushaltsgesetzes als Anlass zu einem weiteren polemischen Hieb gegen Putin.

"Der hat offenbar eine andere Gruppe von Anwälten mit einer sehr eigenwilligen Interpretation des Völkerrechts", mokierte sich Obama über den Kremlchef. "Doch ich denke nicht, dass er damit jemandem Sand in die Augen streuen kann." Die internationale Staatengemeinschaft habe "die Verletzung der territorialen Integrität der Ukraine verurteilt", fuhr der Präsident fort.

Rückfall in den Kalten Krieg

Allerdings weiß Obama nach Ansicht von US-Experten selbst recht gut, dass verbale Attacken den russischen Präsidenten kaltlassen und diesmal er selbst in der schwächeren Position ist. "Wir sollten uns nichts vormachen, der Präsident beschreitet für ihn unbekanntes Terrain, und sein Team ist eindeutig verunsichert", sagt zum Beispiel Michael Morell, der bis 2013 stellvertretender Direktor des CIA war.

"Plötzlich den Kreml als gefährlichen Rivalen zu haben, das ist eine neuartige Herausforderung und zugleich ein potenzieller Rückschritt in die Ära des Kalten Kriegs." Im Weißen Haus, davon ist Morell überzeugt, "weiß damit niemand so richtig etwas anzufangen."

An Drohgebärden mangelt es gleichwohl nicht. "Eine militärische Intervention wird ihren Preis haben", drohte ein sichtlich irritierter Obama noch am Wochenende. Sollte Putin unter Einsatz von Gewalt eine faktische Annexion der Krim wagen, sei auch eine militärische Antwort nicht ausgeschlossen. In Aussicht gestellt haben Obama und sein Chefdiplomat John Kerry aber auch eine breite Palette von möglichen Vergeltungsschritten, die allesamt darauf abzielen, den Druck auf Putin zu verstärken und Russland international zu isolieren.

Viele mögliche Sanktionen

Zur Debatte stehen Visums- und Reisebeschränkungen für russische Staatsbürger, Handels- und Wirtschaftssanktionen sowie das Einfrieren russischer Vermögenswerte, die in ausländischen Banken gehalten werden. Außerdem haben die führenden Industrienationen unter Führung der USA die Vorbereitungen auf den G-8-Gipfel ausgesetzt, der ausgerechnet in Sotschi stattfinden sollte, wo Putin anlässlich der Winterolympiade seine zweieinhalbwöchige Charmeoffensive gestartet hatte.

"Das war aber nur ein erster Schritt", warnte Kerry vor seiner Reise nach Wien und weiter nach Kiew, wo er der Übergangsregierung unter Oppositionschef Arseni Jazenjuk demonstrativ den Rücken stärken wollte. Der Außenminister versprach Jazenjuk als erste Geste amerikanischer Solidarität nicht nur eine Milliarde Dollar Wirtschaftshilfe. Auch richtete er eine weitere Warnung an die Adresse des russischen Machthabers.

Bis weitere Sanktionen verhängt würden, werde es "nicht Wochen, sondern nur Tage dauern". Dazu könnte unter anderem ein zumindest vorübergehender Ausschluss Russlands aus den G8 und G20, in der neben den Industrienationen auch die wichtigsten Schwellenländer vertreten sind, gehören.

Doch trotz allen Säbelgerassels und der Behauptung, dass "jede Option auf dem Tisch bleibt", herrscht in Washington in Wahrheit ungewohnte Einmütigkeit darüber, dass es keinesfalls zu einer militärischen Konfrontation kommen dürfe. "Ich verstehe auch nicht, warum diese Möglichkeit überhaupt in den Raum gestellt wurde", kritisiert der republikanische Senator Lindsey Graham, Mitglied des Streitkräfteausschusses im Oberhaus, die Strategie des Weißen Hauses. Zu welcher Eskalation eine militärische Konfrontation zwischen den USA und der "früheren Supermacht Russland" führen könnte, "das wollen wir uns gar nicht erst ausmalen" sagt der Republikaner.