Wer von Süden über den Tiananmen-Platz auf die Verbotene Stadt zugeht, sieht schon von Ferne das berühmte Porträt von Mao Zedong. Es ziert bis heute das berühmte Tor zum Kaiserpalast. Das gleiche Bild hängt zugleich in Millionen von Bauernstuben. Obwohl der Diktator China viele Jahre lang in Angst und Schrecken versetzt hat, vergöttern ihn viele Chinesen noch immer als ihren Retter, der sie einst von den Großgrundbesitzern befreit hat. Aber auch in der städtischen Mittelschicht sind Mao-Devotionalien angesagt. In Pekinger Szenegeschäften werden iPhone-Hüllen mit Mao-Bildchen angeboten. Solche Ehrerbietung wird dem großen Reformer Deng Xiaoping nicht zuteil.

Dabei hat er das heutige China stärker geprägt, als es den Anschein macht. Was das Staatsverständnis betrifft, die Wirtschaftspolitik und Chinas heutige Gesellschaft – auch der seit einem Jahr amtierende Präsident Xi Jinping folgt ganz treu den "Deng-Xiaoping-Theorien". Mao mag als "großer Steuermann" gegolten haben – tatsächlich aber dampft China heute exakt in die Richtung weiter, die Deng vorgegeben hat. Wer das heutige China verstehen will, muss daher Deng verstehen.

Gucci unter Hammer und Sichel

Zu seinen sicherlich bemerkenswertesten Leistungen gehört es, einen zumindest dem Namen nach kommunistischen Staat geschaffen zu haben, der sich bis heute hält. Deng hat es vermocht, den von Mao erbauten kommunistischen Machtapparat zu erhalten und gleichzeitig eine moderne Staatsform zu finden, die trotz des Scheiterns des Realsozialismus in anderen Teilen der Welt bis heute Bestand hat. Gucci und Prada unter Hammer und Sichel – in jeder Hinsicht widersprechen sich diese Konzepte. Deng ist damit dennoch durchgekommen.

Die Kommunistische Partei war für Deng nie mehr als ein Mittel, um China zu beherrschen. Solange Mao herrschte, waren Klassenkampf und Kollektivierung ein unumgängliches Beiwerk, dem Deng sich zu fügen hatte. Sobald er selbst die Macht in den Händen hielt, verwässerte er diese Konzepte so sehr, dass sie keine Rolle mehr spielten. Als Helmut Schmidt bei einem China-Besuch 1984 ihm gegenüber anmerkte, er sei gar kein Kommunist, sondern Konfuzianer, antwortete Deng nur: "Na und?"

In der Wirtschaftswelt ist Dengs Name verbunden mit dem größten Wohlstandsgewinn, den es in der Menschheitsgeschichte gegeben hat. Kein Staatsführer vor ihm hat innerhalb so kurzer Zeit so viele Menschen aus der Armut befreit. Mit der von ihm initiierten Öffnung Chinas beschleunigte er auch den weltweiten Globalisierungsprozess wie kaum ein anderer. Heute ist die Weltwirtschaft ohne China und die Volksrepublik ohne den Rest der Welt nicht mehr vorstellbar.

Dabei hatte er nie einen Masterplan, sondern er folgte dem Motto: "Von Stein zu Stein tastend den Fluss überqueren." Ging etwas schief, wurde es verworfen. Auch auf diese Weise hat Deng das Riesenreich entideologisiert.

Soziale Frage war ihm nie zentral

Doch sein Vorgehen hatte auch seine Kehrseiten, die nun zum Tragen kommen. Die soziale Frage stand für Deng nie im Vordergrund. Im Gegenteil: Mit seinem Ausspruch "Lasst einige erst reich werden!", nahm er die wachsende Kluft zwischen Arm und Reicht als Nebeneffekt in Kauf. Direkt nach den USA gibt es heute kein Land mit so vielen Superreichen. Auf der anderen Seite ziehen noch immer Millionen von Menschen hungernd durchs Land.