Am Tag danach konzentrierte sich die drängende Frage nicht mehr auf das "ob", sondern nur noch auf das "wann" und "wer". Die schallende Ohrfeige, die Frankreichs Wähler den Sozialisten in der ersten Runde der Kommunalwahlen verpassten, beschleunigte am Montag die Spekulationen über eine anstehende Regierungsumbildung.

Die Tage von Premierminister Jean-Marc Ayrault an der Spitze des Kabinetts scheinen gezählt. In einer neuen Regierung könnten Politiker mehr Macht erhalten, die sich einerseits für mehr Staatsinterventionismus zu Gunsten einer Konjunkturbelebung aussprechen und andererseits solche, die eine distanzierte Haltung zur EU und ihren Institutionen verkörpern. Beides haben die Wähler bei den Kommunalwahlen zumindest indirekt gefordert – indem sie entweder zu Hause blieben oder aber den rechtsextremen Front National (FN) wählten. 

38 Prozent der Franzosen gingen am Sonntag erst gar nicht zur Abstimmung, vor allem enttäuschte Anhänger der Sozialisten dürften darunter gewesen sein. Die Ankündigungen der Regierung zu mehr Sparsamkeit bei den öffentlichen Ausgaben sind für sie keine Antwort auf die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit. Sie erkennen darin auch nicht die Sozialistische Partei, die sie 2012 ins Präsidentenamt und die Landesregierung gewählt hatten. Der historische Stimmenzuwachs für den rechtsnationalistischen Front National von Marine Le Pen ist neben purem Protest auch Zustimmung sowohl zu dessen sogenanntem Sozialpatriotismus als auch zum Europa-feindlichem Diskurs Le Pens.  

Wer steht für die Arbeiter?

Frankreichs Präsident François Hollande sei "gezwungen vor der zweiten Runde zu reagieren und ein starkes Signal auszusenden", ist der Politologe und Wahlforscher Bruno Cautrès überzeugt. "Ein paar Minister auszutauschen, wird nicht ausreichen, um die grundlegende Frage zu beantworten, die die Wähler bei diesem Urnengang der Linken gestellt hat: An wen wendet sie sich? An die Mittelklasse? Oder an die Arbeiterschicht? Letztere haben massiv für den Front National gestimmt."

Besonders deutlich wurde dies im nordfranzösischen Hénin-Beaumont. In der vom Niedergang der Industrie gekennzeichneten Gemeinde, wo die Arbeitslosigkeit in manchen Vierteln bei mehr als 30 Prozent liegt, entschied FN-Kandidat Steeve Briois die Bürgermeisterwahlen auf Anhieb mit 50,26 Prozent für sich. Insgesamt wurde der FN in 16 Gemeinden mit mehr als 10.000 Einwohnern sowie in sieben kleineren Gemeinden stärkste Partei. Dazu zählen auch Forbach an der französisch-deutschen Grenze, Perpignan, Avignon, Béziers, Fréjus und Tarascon. 

In größeren Städten wie Marseille kam der Front National auf Platz zwei – vor den Sozialisten. In der Stichwahl am nächsten Sonntag, zu der alle Parteien zugelassen sind, die in der ersten Runde mehr als zehn Prozent der Stimmen erhielten, könnten die Rechtsextremen weitere Siege einfahren. Anders als die Sozialisten hat die Partei von Marine Le Pen am Sonntag auch den Beweis erbracht, dass sie ihre Anhänger zu mobilisieren weiß. Wo der Front National erfolgreich war, lag die Wahlbeteiligung bei weit mehr als 60 Prozent. 

Wenn Staatschef Hollande die Wahlverweigerer zur Stichwahl zurück an die Urnen bringen wolle, könne er es mit einer besonderen Botschaft an die Arbeiterklasse versuchen, meint Wahlforscher Cautrès. "Er könnte erklären, dass sie in der zweiten Hälfte seiner Amtszeit Priorität haben und dies mit einer entsprechenden Maßnahme unterstreichen." In den vergangenen Tagen wurde immer wieder die ehemalige Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal als Neuzugang im Kabinett genannt. Außenminister Laurent Fabius, der 2005 gegen die EU-Verfassung stimmte, könnte anstatt Ayraults Premier werden.