Bald ist es 25 Jahre her, dass Mauer und Stacheldraht in Europa fielen. Der ewige Friede schien zum Greifen nah, wenigstens im alten Europa. Im Jahr darauf sprachen Präsident George Bush und Generalsekretär Michail Gorbatschow in Helsinki sogar gemeinsam von einer "neuen Weltordnung".

Und wo stehen wir heute, ein Vierteljahrhundert später? Am Anfang eines neuen alten Kalten Krieges? Am Beginn des Rückfalls in die alte Weltordnung, gar am Ausbruch einer Weltunordnung?

Es lohnt sich, unsere aktuelle Lage für einen Augenblick aus weiter Ferne zu betrachten und zu diesem Zweck zu Thomas Hobbes Traktat Leviathan zu greifen. Hobbes versucht darin zunächst zu verstehen, wie der Mensch überhaupt tickt, und zwar ganz physisch, ja physikalisch, nichts da von höherer Moral und solchen Sachen: nämlich auf Druck und Gegendruck.

Und wie funktioniert menschliches Zusammenleben im zunächst ungeregelten Naturzustand? Jeder einzelne, so Hobbes, strebt aus Angst vor einem unzeitigen Tod naturgemäß danach, sich alle Ressourcen und Möglichkeiten (auch Macht über andere) anzueignen. Und weil dies alle so tun würden, käme es zum berüchtigten "Krieg aller gegen alle". Es sei denn, die Menschen unterwürfen sich einer absoluten Autorität, die ihnen Sicherheit und Überleben gewährleisten.

Man kann diese machtphysikalische Betrachtung durchaus auch auf das Verhältnis von Staaten und Mächten untereinander übertragen. Wobei sofort auffällt, dass es dabei an der von Hobbes geforderten übergeordneten Autorität fehlt. Verglichen mit einem innerstaatlichen Gewaltmonopol, sei dieses Monopol rechtsstaatlich oder diktatorisch gehandhabt, ist das Völkerrecht nämlich sehr schwach; es bietet weder ein Monopol noch eine unbestrittene Gewalt, die über die Konkurrenten herrscht.

Lässt man in dieser Perspektive das vergangene Vierteljahrhundert in Mitteleuropa Revue passieren, so bilanzieren wir ganz zu Recht einen unerwarteten Zuwachs an (meist sehr) freien und (da und dort einigermaßen) demokratischen Staaten: Polen, die drei baltischen Staaten, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Slowenien, Kroatien. Auch wenn man hier und da noch Fragen an freiheitliche demokratische Standards haben kann. Jedenfalls ein fulminanter Erfolg für das westliche Modell, würdig, gefeiert zu werden.

Was man dabei nur nicht übersehen darf: Dieser moralisch betrachtet großartige Erfolg westlicher Werte, für den wir uns beileibe nicht entschuldigen müssen, bedeutete in der Hobbesschen Physik zugleich einen ungeheuren Machtzuwachs des europäischen Bündnisses in EU und Nato, der naturgemäß zu Lasten anderer Mächte gehen musste, vor allem zu Lasten der ehemaligen Sowjetunion, beziehungsweise der übrig gebliebenen Russischen Föderation. Wir Sieger redeten von Werten, die Verlierer von vergangener Macht.

Wer seinen Hobbes gelesen hatte, musste wissen, dass solche westliche Machtausweitung nicht grenzenlos weitergehen und politisch nicht kostenlos bleiben könnte. Spätestens im Fall der Ukraine mit ihrem hohen Anteil ethnischer Russen, ihrer Bedeutung für die alte russische Geschichte, mit ihrem russischen Flottenstützpunkt und ihrer geographischen Lage konnte, was eigentlich jeder wissen musste, die westeuropäische Assoziierung, gar ein späterer "Anschluss" von Moskau machtpolitisch nicht desinteressiert betrachtet werden. Zumal angesichts der putinschen Ambition von einer eurasischen Zollunion als Gegengewicht zur EU.

Gerade wer ahnte und sich nun darin bestätigt sieht, wie Putin mit Macht umzugehen pflegt, hätte erstens dessen Reaktionen vorher einkalkulieren und sich sodann rücksichtslos realistisch fragen müssen, was er Putins Aktionen denn ernstlich und wirkungsvoll entgegensetzen könnte; und ob er den Preis für machtpolitisch wirklich durchschlagende Gegenmaßnahmen zu zahlen bereit sein würde.

Putin ist kein Demokrat, schon gar kein lupenreiner, sondern zuhause immer mehr ein Despot. Was könnten wir daran ändern? Von einer "neuen Weltordnung", die auf einer fortgesetzten Reduktion russischer Einflusssphären beruht, wird er nie reden.

Trotzdem müssen die EU und USA, muss der Westen und muss auch Deutschland das Machtspiel hinter der Demokratisierung Europas mindestens erkennen und darauf achten, nicht in einen imperial overstretch zu verfallen, das heißt: nicht in eine Überdehnung westeuropäischer territorialer Macht, die man dann gegen Drohungen und Annexionen des herausgeforderten Gegners gar nicht zu verteidigen vermag.