Sie spielen "guter Polizist, böser Polizist". Doch wenn es hart auf hart kommt, können beide auch unnachgiebig sein. So hat Polens Außenminister Radosław Sikorski dieser Tage in seltener Offenheit das Zusammenspiel der deutschen und polnischen Diplomatie in der Ukraine-Krise beschrieben.

Über die entscheidenden Verhandlungen mit dem inzwischen abgesetzten Präsidenten Viktor Janukowitsch berichtete Sikorski: "Wir wussten, dass er im alten Sowjetstil verfahren würde: prahlerische Reden und Schuldzuweisungen. Also einigten (Bundesaußenminister) Steinmeier und ich uns schon vorher darauf, ihn zu unterbrechen. 'Sie müssen das Töten auf dem Maidan stoppen!', verlangte Steinmeier, und ich ergänzte: 'Sie müssen ein Datum für ihren Rücktritt nennen.' Janukowitsch erbleichte."

Am Mittwoch trafen sich Angela Merkel und Donald Tusk in Warschau, um die weitere Strategie in der Krim-Krise zu verabreden. Ob Kanzlerin und Premier ähnliche Absprachen für den Umgang mit Russlands Präsidenten Wladimir Putin trafen wie Sikorski und Steinmeier im Fall Janukowitsch, verrieten sie wohlweislich nicht. Stattdessen setzten sie demonstrative Zeichen der Geschlossenheit und Entschlossenheit. "Wir leben im 21. Jahrhundert", erklärte Merkel mit empörtem Unterton. Militärische Drohgebärden, wie sie
Russland in der Ukraine probe, seien kein zeitgemäßes Mittel der Politik. "Wir gehen aber Konflikten auch nicht aus dem Weg."

Die Kanzlerin und der polnische Premier kündigten weitere Sanktionen gegen Russland an, sollte der Kreml nicht bis Montag Bereitschaft zum Dialog zeigen. Merkel scheute sich nicht einmal, auf Artikel 5 des Nato-Vertrages hinzuweisen – den Bündnisfall, der die Partner bei einer Aggression von außen zu militärischem Beistand verpflichtet. 

Merkel und Tusk ließen darüber hinausgehend wissen, das so lange umstrittene EU-Assoziierungsabkommen mit der Ukraine schon in der kommenden Woche zu unterzeichnen. Zumindest betreffe dies den politischen Teil des Vertragswerkes, das außerdem weitreichende Vereinbarungen über freien Handel und Warenverkehr vorsieht. An dem Streit um das Abkommen, das der damalige ukrainische Präsident  Janukowitsch im Herbst nicht unterschreiben wollte, hatte sich die Maidan-Revolution in Kiew entzündet.

Über die Krim-Frage hinausdenken

In Polen hört man derlei Botschaften gern, und das nicht ohne Grund. So erklärte Tusk nach dem Gespräch mit Merkel: "Hier in Warschau braucht man niemandem zu erklären, worum es in diesen Tagen geht." Deutsche und Russen hatten die polnische Hauptstadt im Zweiten Weltkrieg bis auf die Grundmauern zerstört. Droht nun wieder ein bewaffneter Konflikt in Europa, diesmal auf der von Russland faktisch besetzten ukrainischen Halbinsel im Schwarzen Meer? "Die einzige Alternative zu militärischen
Auseinandersetzungen sind Gespräche", unterstrich Tusk und war damit "wie in allen Punkten" mit Merkel einig.

Die Regierungschefs der Nachbarländer im Herzen Europas waren sichtlich bemüht, Eintracht zu demonstrieren. Die Kanzlerin holte in Warschau zwar nominell nur ihren Antrittsbesuch nach, den sie im Januar wegen eines Skiunfalls hatte absagen müssen. Faktisch traf sie Tusk an diesem sonnigen Vorfrühlingstag allerdings zu einem Krisengipfel. Es bestehe "die Gefahr, dass die Ukraine zugrunde geht", warnte der polnische Regierungschef.

Am Sonntag werden die Bürger der Krim in einem völkerrechtswidrigen Referendum aller Voraussicht nach für die Abspaltung von der Ukraine und den Beitritt zur Russischen Föderation stimmen. "Wir brauchen einen sehr langen Atem und wir müssen über die Krim-Frage hinausdenken", betonte Merkel, die bereits im Vorfeld des Besuchs von einer Annexion gesprochen hatte, die
man dem Kreml nicht durchgehen lassen dürfe.