Ohne Zweifel beklemmend sei die Situation, sagte die Kanzlerin in ihrer Regierungserklärung zur Ukraine: "Wir werden einen langen Atem brauchen, um diesen Konflikt zu lösen." Es war die eine Stelle, an der besonders durchschien, unter welchem Druck Angela Merkel in diesen Tagen steht: Leichtfertig will sie die Konfrontation mit Wladimir Putin nicht suchen, nicht zu schnell zu hart reagieren auf seinen aggressiven Griff nach der Krim – in dem Wissen, dass Deutschlands besondere Beziehung zu Russland der Schlüssel sein kann, doch noch eine diplomatische Lösung zu finden. Bevor es Zeit wäre, Stärke zu zeigen. Aber zugleich weiß sie: Dieser Tag wird kommen. Sehr bald.

Gerade deshalb musste Merkels Botschaft an Putin unmissverständlich sein: Er habe auf der Krim einen eindeutigen Bruch grundlegender völkerrechtlicher Prinzipien begangen. Russland stelle damit das "Recht des Stärkeren gegen die Stärke des Rechts" und "einseitige geopolitische Interessen über Verständigung und Kooperation".

Keine Spur anbiedernden Verständnisses für das russische Handeln, kein Herleiten aus dem traumatischen Zusammenbruch der Sowjetunion, sondern ein deutliches Urteil prägte die Rede der Kanzlerin: "In einer Phase großer Unsicherheit in der Ukraine hat sich Russland nicht als Partner für Stabilität in dem mit ihm historisch, kulturell und wirtschaftlich eng verbundenen Nachbarland erwiesen, sondern nutzt dessen gegebene Schwäche aus."

Nachbarschafts- statt Geopolitik

Auch jedes abschwächende Eingestehen europäischer Fehler im Umgang mit der Ukraine fehlte, es wäre auch fehl am Platze gewesen. Stattdessen stellte Merkel mit Nachdruck und zu Recht heraus, die europäischen Modernisierungsangebote an die Ukraine seien "ein Ansatz der Nachbarschaftspolitik, nicht der Geopolitik". Sie seien nie gegen Russland gerichtet gewesen; es gehe nicht darum, sich zwischen zwei Einflusssphären entscheiden zu müssen. Von einer Stärkung der osteuropäischen Länder profitiere auch Russland selbst – schnelle finanzielle Hilfe, die Vertiefung der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenarbeit, außerdem Signale der Solidarität seien deshalb weiter der richtige Ansatz gegenüber der Ukraine.

Ebenso klar war die Drohung, falls Russland nicht "auf den Weg der Zusammenarbeit und des Rechts" zurückkehre. Falls Russland die Lage in der Ukraine weiter eskaliere. Dann seien die europäischen Partner bereit und entschlossen, ihre abgestuften Sanktionen zu verschärfen – auch wenn sich niemand wünsche, sagte Merkel, dass es zu solchen Maßnahmen komme. Zwischen den Drohungen kam so doch noch ihre vorsichtige Haltung zum Vorschein, die vielleicht auch mit dem Stimmungsbild in Deutschland zusammenhängt: 69 Prozent sprachen sich in einer Forsa-Umfrage gegen Sanktionen aus; sie glauben nicht, dass sich dadurch etwas ändern würde.

Leichter wird der Kanzlerin über die Lippen gekommen sein, man arbeite weiter für eine politisch-diplomatische Lösung der Krise; ein militärisches Vorgehen sei "keine Option". Eine Beobachtermission auf der Krim und eine Kontaktgruppe – das bleibt also der bevorzugte Weg und der sprichwörtliche Gesprächskanal offen. Eine Schwäche muss auch das nicht sein, wenn Merkel erkannt hat, dass es kein Selbstzweck sein darf, weiter miteinander zu reden.

Referendum auch ein Wendepunkt für Merkel

Die Rhetorik stimmt: Es müsse "in den allernächsten Tagen" echte Verhandlungen und Ergebnisse geben, "ohne auf Zeit zu spielen", forderte sie. Schon am Montag wollen die EU-Außenminister die nächste Stufe von Sanktionen beschließen, sollte Putin bis dahin nicht von seinem Kurs abgerückt sein. Also kann es nur richtig sein, jetzt vielleicht letztmalig klarzumachen, worüber nicht verhandelt werden soll: "Die territoriale Integrität der Ukraine steht nicht zur Disposition."

Das für Sonntag geplante Referendum über einen Anschluss der Krim an Russland wird aus diesem Grund ein Wendepunkt sein. Auch für Merkel. Putins Handeln – auch das hat sie nicht versäumt festzustellen – bringt die gesamte globale Weltordnung in Gefahr, die auf den Prinzipien der Vereinten Nationen beruht, auf der Unverletzlichkeit von Grenzen und der Souveränität von Staaten. Und wir erinnern uns: Auf die in ihrer Rede so deutlich wie nie formulierte harte Linie ist Merkel nur zögerlich eingeschwenkt. Dahinter wird sie nicht mehr zurückfallen können.

Ob sich Putin davon beeindrucken lassen wird, ist allerdings noch eine ganz andere Frage. Und auch, was passiert, wenn es nach dem Referendum am Sonntag zu Gewalt kommt, weil irgendjemand die Nerven verliert.