Fast war es, als schwebe der Geist von Kaiser Wilhelm II. über Warschau. Er kenne "keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche", hatte der Monarch am Vorabend des Ersten Weltkriegs gesagt. Im Nationalen Sicherheitsrat in Warschau empfing Präsident Bronisław Komorowski am vergangenen Sonntag keine Parteipolitiker mehr, sondern nur noch Polen.

Die Eskalation der Krim-Krise machte es möglich: Erstmals seit der Flugzeugkatastrophe von Smolensk im April 2010, bei der der Staatschef Lech Kaczyński ums Leben kam, nahm dessen Bruder, der Oppositionsführer Jaroslaw Kaczyński, an einer Sitzung des Sicherheitsrates teil. Der überlebende Kaczyński macht Komorowksi und Regierungschef Donald Tusk mitverantwortlich für die Tragödie in Smolensk. Er hat sich mit beiden seither nicht zu persönlichen Gesprächen getroffen. Nun aber haben die Intimfeinde einen Burgfrieden geschlossen. Sie fordern einmütig, dass "die internationale Staatengemeinschaft konsequent auf die Aggression Russlands reagieren" müsse.

Kaczyński warnte vor einer "ernsten Gefahr für die Sicherheit Polens". Die Tusk-Regierung ihrerseits initiierte zwei Treffen des Nato-Rates in Brüssel. Sie berief sich dabei auf Artikel 4 des Bündnisvertrages, der auf eine Bedrohung des Territoriums, der Unabhängigkeit oder Sicherheit eines Mitgliedstaates verweist. Das Außenministerium in Warschau bestellte am Dienstag den russischen Botschafter ein. Keine Frage: Polens politische Führung sieht das eigene Land durch die "russische Aggression auf der Krim und in der gesamten Ukraine" bedroht.

Jahrzehnte der Fremdherrschaft

Die Angst geht um in Polen, und viele Medien spiegeln oder schüren die Furcht. Seit Wochen ist das Drama in der Ukraine das politische Thema Nummer eins in Warschau. Seit russische Soldaten am Wochenende die Krim unter ihre Kontrolle brachten, füllen die Zeitungen teils Dutzende Sonderseiten mit Berichten, Analysen und Kommentaren zur Lage im Nachbarland. "Russlands Schande" titelte am Montag die linksliberale Gazeta Wyborcza, die zuletzt immer wieder für eine Aussöhnung mit dem Riesenreich im Osten geworben hatte – trotz der schwierigen Vergangenheit, die beide Völker teilen.

Die traumatische eigene Geschichte ist es, an die wohl jeder Pole denkt, wenn er in diesen Tagen auf die Ukraine blickt. Rund 200 Jahre lang litt Polen unter dem russischen und sowjetischen Imperialismus. Im 18. Jahrhundert verbündete sich Zarin Katharina mit Preußen und Österreichern. Die drei "schwarzen Adler" nahmen die polnische Adelsrepublik in die Zange und teilten das Land untereinander auf. Bis zum Ersten Weltkrieg blieben große Teile Polens unter russischer Fremdherrschaft. Zahlreiche Aufstände schlug das zaristische Militär blutig nieder.

Zwischen den Weltkriegen lebte Polen als unabhängiger Staat kurzzeitig wieder auf. Doch schon 1920 rettete nur das militärische "Wunder an der Weichsel" die Hauptstadt Warschau vor einer Invasion der Roten Armee. 1939 machte Stalin dann gemeinsame Sache mit Hitler. Wieder nahmen Deutsche und Russen das wehrlose Polen in die Zange, ließen es von Panzern und Soldaten überrollen und überrennen. In einem Geheimvertrag hatten sie sich zuvor auf eine territoriale Aufteilung Osteuropas geeinigt.