Was mich angesichts der Moskauer Behauptungen, auf der Krim agierten nur Bürgerwehren und nicht etwa russische Soldaten (ohne Hoheitsabzeichen), am meisten erstaunt: Nach all dem, was uns über die perfektionierte Satellitenüberwachung berichtet wurde, müsste es doch ein Leichtes sein, Wladimir Putin durch eine exakte Dokumentation seiner Truppenbewegungen vor den Augen der Weltöffentlichkeit der Lüge zu überführen. Die auf der Krim zu sehenden vielen Truppentransporter können ja nicht mit einem Schlag vom Himmel gefallen sein. Will man ihn gar nicht bloßstellen? Und warum nicht?

Wie auch immer: Es gibt viele Gründe, das Moskauer Spiel auf der Krim und gegenüber der Ukraine schändlich zu finden und zu verurteilen, wohl wahr. Nur sollte man dabei nicht so tun, als handle Moskau dabei ohne Werte, nur aus nacktem Interesse – der Westen aber ohne alle Interessen, nur aufgrund reiner Werte. Vor allem sollten wir nicht auf einer stolzen Ungleichzeitigkeit beharren, etwa nach dem Motto: WIR leben, aufgeklärt und modern und rational im 21. Jahrhundert – der dumpfe Putin hingegen noch im 19. oder allenfalls 20. Jahrhundert.

In Wirklichkeit haben wir es mit einer historisch konstanten Gleichzeitigkeit zu tun, derzufolge in der Konkurrenz der Staaten und Machthaber seit jeher im Zweifel elementare Machtinteressen und -Bedürfnisse den Vorrang beanspruchen vor einer ökonomischen Zweckmäßigkeit oder rechtlich-rationaler Zivilität. Ganz abgesehen davon, dass unser westliches Idealbild einer befriedeten Zivilgesellschaft zwar eine große Faszination ausstrahlt (vor allem für uns und demokratisch gesinnte Minderheiten anderswo) und eine starke moralische Priorität beanspruchen kann – aber doch weltweit betrachtet leider nur ein Minderheitsmodell ist, das, wenn erst einmal Europa nicht mehr 20 Prozent, sondern nur noch 10 Prozent der Weltbevölkerung ausmacht, sich seinem eigentlichen Belastungstest ausgesetzt werden wird.

Dies vorausgeschickt, wird man erst noch sehen müssen, ob Putin sich durch westliche Sanktionen in seinen elementaren Machtinstinkten und -proben wirklich einschränken lässt. Wir sollten beizeiten überlegen, was wir tun würden, wenn diese – wohl ohnehin nur zögerlich applizierten – Sanktionen nicht mehr bewirken werden als ökonomisch kalkulierbare Tropfen auf einem harten politischen Stein. Die empirischen Daten über die politischen Erfolge westlicher Wirtschaftssanktionen wirken nicht sehr ermutigend – getroffen haben sie, etwa im Iran, auf mittlere Sicht erst einmal die Falschen, die kleinen Leute nämlich. Und dass wirtschaftliche Nachteile die politisch zu allem entschlossenen Machthaber zügeln könnten, das mag man sich in unseren aufgeklärt kalkulierten westlichen Ökonomien so vorstellen. Doch der Völkerkrieg im früheren Jugoslawien nach 1990 hat trotz seines für alle Seiten ökonomischen und sozialen Irrsinns stattgefunden, mit all den Verbrechen und Opfern. Noch heute müssen westliche und deutsche Truppen auf dem Balkan Stabilitätsdienste leisten und etwa das Kosovo vor dem Wiederaufflammen des Mordens bewahren – jenes Kosovo, das sich mit seiner albanischen Mehrheit und serbischen Minderheit, vom Westen unterstützt, von Serbien abgespalten hat. So wie nun, von Moskau forciert, sich die Krim mit ihrer russischsprachigen Mehrheit von der Ukraine abspalten wird. (Man kann sich übrigens immer noch fragen, was sich Brüssel dabei gedacht hat, als es die Ukraine samt dem russischen Schwarzmeer-Marinestützpunkt Sewastopol näher an die EU rücken wollte, ohne vorher mit Moskau über diesen neuralgischen Punkt seiner strategischen Projektion ins Mittelmeer eine Verständigung zu suchen.)

Schimpf und Schande also über Putins kalkuliertes Agieren aus List, doppelzüngiger Propaganda und elementarem Machtinteresse, erst einmal auf der Krim. Richtig existentiell ernst würde es, falls er die Nato-Mitglieder im Baltikum, falls er Polen gefährden wollte. Dann kämen für den Westen Bündnispflichten ins Spiel, die mit symbolischen Sanktionen allein nicht mehr zu erfüllen wären - abgesehen von der Garantenstellung, die wir bereits durch unsere Aktionen für den demokratischen Prozess in der Ukraine eingenommen haben. Hoffentlich sind wir mannhaft genug, wenigstens dort KSZE-Beobachter zu installieren oder die Demütigung von UN-Gesandten zu verhindern.

Und wer sich jetzt noch lustig macht über die Überzeugung, die europäische Einigung sei eine Frage von Krieg oder Frieden (so nicht nur Helmut Kohl), der bekommt drei Jahre historischen Nachsitzens aufgebrummt.