Der Triumphator betrat beschwingten Schrittes, mit schlenkerndem linken Arm den Georgssaal des Kremls. In sowjetischer Zeit wurden hier die Recken beider Weltkriege und die Helden der Sowjetunion geehrt. Schnell noch eine Fanfare, dann konnte Präsident Wladimir Putin als Sammler russischer Erde in die Geschichte seines Lande eingehen. Er sprach über die Krim und Sewastopol, aber es ging um noch viel mehr: um Russlands unbedingten Wunsch nach einer neuen Weltordnung, in der Russland mitsprechen und vor allem entscheiden möchte. Stehender Applaus, Vertragsunterzeichnung, Nationalhymne

Noch zuletzt hatten Moskauer Beobachter über die Entschlossenheit Putins gerätselt – auch im Wunschdenken, er möge nur bluffen. Doch der Stakkato-Rhythmus der vergangenen Tage brachte endgültig die Antwort: Putin marschiert. Nach dem eiligen Krim-Referendum erkannte er noch am Montagabend die Souveränität der Krim an.

An diesem Dienstag kamen die Nachrichtenagenturen mit ihren Meldungen kaum mehr hinterher: Putin informierte die Regierung und die Parlamentskammern über den Wunsch der Krim, ein Teil der Russischen Föderation zu werden (10.17 Uhr) und billigte den Vertrag über die Aufnahme der Krim (10.45 Uhr). Die Duma sprach Minuten später der Krim-Bevölkerung ihre Unterstützung aus (10.53 Uhr). Dem Westen nur keine Atempause geben.

Ukraine - Putin macht Weg frei für Anschluss der Krim

"Es ist offensichtlich, dass die Amerikaner und Europäer ständig improvisieren müssen", sagte vor Tagen ein russischer Anrufer der Moskauer Radiostation Echo Moskwy. "Auf unserer Seite wirkt dagegen alles wohl geplant. Wie schön das aussieht."

Düpiert, gedemütigt, eingekreist

Putins Verhältnis zum Westen hat sich grundlegend verändert. Die Moskauer Maxime, trotz aller Konflikte in guten oder zumindest pragmatischen Beziehungen zum Westen zu verbleiben, gilt nicht mehr. Sicherlich ist der Westen ökonomisch und technologisch noch ein Orientierungspunkt für Russland. Wenn er Geld und Investitionsgüter liefert, ohne sich in russische Angelegenheiten einzumischen, bleibt er willkommen. Aber von liberalen Ideen und demokratischen Werten möchte Moskau nichts mehr wissen. Sogar in der kulturellen Sphäre trifft manch westlicher Import zunehmend auf Misstrauen oder gar offene Ablehnung. Madonna oder Lady Gaga verstören viele als "Botschafter der westlichen Dekadenz".

Der Präsidentensturz in der Ukraine erwies sich als ein Wendepunkt: Aus Moskauer Sicht hat der Westen nicht nur einen Regimewechsel in einem Land erwirkt, das Russland besonders wichtig ist. Die europäischen Außenminister hätten Moskau zudem mit dem Kiewer Kompromissabkommen, das binnen 24 Stunden durch die Verjagung des damaligen Präsidenten Viktor Janukowitsch wertlos wurde, auch noch betrogen. Dass Janukowitsch schon zuvor eher einem politischen Leichnam glich, interessiert kaum jemanden in Russland. 

Die russische Führung fühlte sich düpiert, gedemütigt und eingekreist. Sie entschloss sich, hart zu handeln. Die Folgen, ob Sanktionen oder politische Isolierung, spielen keine abschreckende Rolle. Auch das frühere Argument, ein Großteil der politischen Elite habe einen Teil ihres Besitzes und ihre Kinder schon lange nach Europa oder in die USA verschoben, sticht kaum mehr.