Einmarsch beim Brudervolk

Macht Putin wirklich Ernst? Diese Frage stellten sich viele Russen, als klar wurde, dass Russland nun ganz offiziell seine Truppen in die benachbarte Ukraine schicken könnte. Die Gegner des Präsidenten zweifelten bis zuletzt daran, dass der Kremlherrscher so weit geht. Seine Anhänger dürften überrascht sein, wie konsequent Putin, aus ihrer Sicht, die Interessen des Landes verteidigt.

Ob es tatsächlich zu einem Krieg zwischen den beiden Ländern kommt, ist weiterhin unklar. Die Ukraine hat bisher keine Anstalten gemacht, sich mit Waffengewalt zu wehren. Klar ist dagegen, dass der Konflikt jetzt eine ganz neue Ebene erreicht hat. Über Jahre predigten Moskau und russlandfreundliche Politiker in der Ukraine das Mantra, Russland und die Ukraine seien Brudervölker. Nun schickt das eine Brudervolk Truppen auf das Gebiet des anderen. Die Russen der Ukraine müssten um ihr Leben fürchten, heißt es aus Moskau. Wirkliche Anhaltspunkte gibt es dafür keine.

Die neue Regierung in Kiew lieferte Russland lediglich passende Vorwände. Mit ihrer demonstrativen Politik, wie etwa dem Plan, Russisch als zweite Amtssprache abzuschaffen, brachten sie russischsprachige Ukrainer gegen sich auf. Schnell zeigte sich, dass es den Siegern der Revolution in Kiew wieder nicht gelingt, die Ukraine zu einen. Ähnlich wie vor zehn Jahren, als die Orangene Revolution über das Land schwappte, und ihre Anführer anschließend einseitig eine Politik im Sinne der westlichen, der vermeintlich echten Ukrainer durchzusetzen versuchten.

Der Traum von der Eurasischen Union

In diese Kerbe schlägt Russland nun dankbar und mit ganzer Wucht hinein. Denn die Demonstrationen auf dem Maidan und der anschließende Umsturz in Kiew sind aus Putins Sicht nicht proeuropäisch gewesen, sondern allem voran antirussisch. Seit Jahren hat Russland versucht, die Ukraine an sich zu binden. Putin träumte von einer Eurasischen Union, die zu einem neuen globalen Machtzentrum unter Moskaus Schirmherrschaft werden sollte. Dieser Traum starb, als der vollkommen diskreditierte Janukowitsch fluchtartig sein Land verlassen musste.

Für Putin ist klar: Die Schuld daran hat der Westen, der die Demonstranten unterstützt haben soll. Daher gilt Russlands aggressives Vorgehen weniger der Ukraine als Land, sondern dem europäischen und amerikanischen Einfluss, der sich nun in die aus russischer Sicht ureigenen Einflussgebiete Moskaus auszudehnen droht. Der Kreml hat längst jeglichen Glauben an eine echte Partnerschaft mit den USA oder der EU verloren, wenn er diesen überhaupt jemals hatte. 2008 lag die rote Linie in Georgien, das in die Nato strebte, heute liegt die rote Linie in der Ukraine.

Und die EU trifft sich erst nächste Woche

Und diese rote Linie sieht Putin eindeutig überschritten. Dabei interessiert sich in Moskau kaum jemand für die öffentliche Meinung im Ausland oder die Einwände europäischer Politiker. Wenn die EU über Demokratie und Freiheit redet, dann ist das aus Putins Sicht nur ein Schleier, der die tatsächlichen, harten europäischen Machtinteressen in der Region verdecken soll.

Entsprechend der alten Zarendoktrin, die Armee und die Flotte seien Russlands einzige Verbündete, greift der Präsident nun durch. Ohne Rücksicht auf Verluste. Ohne Rücksicht darauf, dass er damit das Verhältnis zum angeblichen Brudervolk Ukraine auf Jahrzehnte vergiften wird. Auch in Russland dürften viele erschüttert sein, dass nun ausgerechnet in der Ukraine, einem Land das große Teile der russischen Kultur und Geschichte mitgeprägt hat, russische Militärs einmarschieren.

Ungeachtet dieser Befindlichkeiten scheint für Putin jetzt die letzte Chance gekommen, zu sichern, was aus seiner Sicht ohnehin Russland zusteht: die Krim. Eine dauerhafte Bindung des einstigen russischen Territoriums an die EU ist für Putin offenbar nicht hinnehmbar. Nicht zuletzt, weil auf der Krim bisher die strategisch wichtige Schwarzmeerflotte Russlands stationiert ist. Diese Militärbasis zu verlieren, wäre eine nationale Schmach für die machtbewussten Falken im Kreml.

Keine Rücksicht nimmt Putin auch auf die Reaktionen aus Europa und den USA. Beide haben in den letzten Tagen zugesehen, wie Russland die Krim unter seine Kontrolle bringt. Nun steht die Weltgemeinschaft vor vollendeten Tatsachen, unfähig, effektiv auf einen russischen Einmarsch zu reagieren. Während Russland innerhalb von Stunden Klarheit auf der Krim schaffen kann, wollen sich die EU-Außenminister offenbar erst kommende Woche zu Beratungen treffen.