Von berechtigten russischen Interessen ist dieser Tage oft die Rede. Es sei doch verständlich, wenn Wladimir Putin hart reagiere auf die aggressive Ausweitung des Einflusses der Europäischen Union in Osteuropa. Vor allem in der Ukraine, direkt vor seiner Haustür. Die EU habe einen Fehler gemacht und müsse nun umso vorsichtiger sein. Als sei die EU-Politik darauf angelegt gewesen, Staaten zu zwingen, sich für eine Seite zu entscheiden. Als habe man etwa von der Ukraine verlangt, sich von Russland gänzlich abzuwenden. Und vor allem: Als habe niemand auch nur im Entferntesten daran gedacht, die Führung in Moskau in diesen Prozess einzubinden.

In der Logik des Kremls mag das so gewesen sein. Dort empfand man die europäischen Angebote an die früheren Staaten der Sowjetunion offenbar von Beginn an als Bedrohung, weil man der EU genau das unterstellte, was man selbst betrieb: den Versuch, jene Länder unter Kontrolle zu bringen, mit dem einzigen Ziel, die eigene Machtsphäre zu erweitern. Und dann noch die Nato im Schlepptau, die immer näher an Russland heranrückte!

Der Ansatz, den die EU in den Ländern ihrer östlichen Partnerschaft verfolgte, zielte jedoch auf ökonomische Stabilisierung und die Förderung guter Regierungsführung – ja, durchaus nach westlichem Vorbild, aber ganz und gar nicht gegen Russland gerichtet. Sondern in der Annahme, davon profitiere die gesamte Region. Inklusive Russland. Die Europäer gingen also von dem aus, was im Grunde wirklich in russischem Interesse hätte liegen müssen.

Kein Wille zur Konfrontation

Gleiches gilt im Übrigen für die Nato, deren Osterweiterung sich nur dann als aggressiver Akt beschreiben lässt, wenn man weiter von einer Systemkonfrontation ausgeht. Doch die Einbindung osteuropäischer Staaten in das Bündnis, das sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ja ganz neu definierte, hätte genauso zu Russlands Sicherheit beigetragen, dessen eigener Beitritt sogar eine Option war. Reicht allein schon die Furcht vor der vermeintlichen Bedrohung, die aus der Nato-Osterweiterung erwächst, um Putins Renaissance der Geopolitik zu rechtfertigen? Je tiefer die Kooperation gewesen wäre, desto weniger wären doch solche Ängste berechtigt gewesen. Insbesondere deshalb, weil die Nato (die EU ohnehin nicht) gar keinen Willen zur Konfrontation zeigte. Der Kalte Krieg war doch vorbei.

Das nun vielfach geforderte Verständnis für Russland hat dabei zweifellos weiter eine Rolle gespielt in der Politik des Westens – oder besser: die Anerkennung seines Einflusses und seiner Machtinteressen in Osteuropa. In der Tat war eine Mehrheit der EU-Staaten zunächst dagegen, mit der östlichen Partnerschaft direkt eine Perspektive auf die Mitgliedschaft in der EU wie auch in der Nato zu verbinden. Ebenso die Nato selbst drängte nicht gerade darauf, Georgien oder die Ukraine möglichst bald aufzunehmen. Auch wenn die USA unter George W. Bush dies vorschnell versprochen hatten, setzten sich die Gegner zwischenzeitlich durch, allen voran die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. Vielleicht war das der eigentliche Fehler, der russische Einmarsch in Georgien 2008 könnte als Beleg dafür herhalten: Hätte Putin diesen Schritt gewagt, wenn die beiden Länder Nato-Mitglieder gewesen wären?