Endlich, als sich Europa schon am Rande eines Krieges wähnte, meldete sich der bis dahin schweigsame Oberbefehlshaber zu Wort: Russlands Präsident Wladimir Putin trat am Dienstag vor eine Schar ausgewählter Journalisten und spritzte ein paar Tropfen Wasser ins Feuer. Er betonte die territoriale Einheit der Ukraine und riet von einem Krieg ab. Erleichterung kam auf, und manche russischen Analytiker sprachen am heutigen Mittwoch sogar von Dankbarkeit, dass Putin doch irgendwo in seinen Ausführungen ein Gesprächsangebot versteckt habe. Skeptiker dagegen sehen in seinem Auftritt die typische Taktik, zwei Schritte voranzustürmen, um dann einzuhalten, und, wenn sich alle gerade an seine Position gewöhnten, wieder loszupreschen.

Eine Lösung für den Krim-Knoten blieb Putin schuldig. Dennoch zeichnet sich schemenhaft ab, wie es in der Ukraine weitergehen könnte. Im Moment ist Russland mit dem Erreichten zufrieden: Die Krim ist de facto besetzt, die ukrainische Regierung teilweise gelähmt und der Westen damit beschäftigt, seine Reaktion zu koordinieren.

Eine Abspaltung der Krim ist vermutlich gar nicht das Ziel Moskaus. Es reicht, wenn die dortigen Statthalter die Halbinsel mit größtmöglicher Autonomie unter Kontrolle halten und Moskau ein Einfallstor in die ukrainische Innenpolitik bieten, um die neue Regierung in Kiew von ihren Reformvorhaben abzuhalten und letztlich scheitern zu lassen. Dank der Einflusszonen im Osten und Süden des Landes gäbe es zusätzliche Hebelansätze für Moskau. Ein weiterer "eingefrorener Konflikt" in Europa unter russischer Regie wäre geschaffen: ein bisschen mehr Transnistrien, das in Moldaus Staatsverbund verblieben ist, als Südossetien, das sich aus Georgien in die Selbstständigkeit eines russischen Protektorats geflüchtet hat.

Russland fühlt sich sicher vor westlichen Sanktionen

Aber auch ein Anschlussgesuch der Krim wäre für Moskau weder politisch noch ökonomisch ein Schrecken. Wenn es um die Durchsetzung des geopolitischen Ziels einer "traditionellen Einflusssphäre" geht, nimmt Russland weder auf den Rufschaden in der Welt noch die heimische Wirtschaft in ihrer Rezessionsfurcht Rücksicht. Moskau alimentiert auch das arme Südossetien – aus prinzipiellen Gründen. Vorerst ist das kein Problem für den viertgrößten Devisenbesitzer der Welt.

Vor westlichen Sanktionen fühlt sich Moskau relativ sicher. Handelsblockaden gegen Russland würden der globalen Weltwirtschaft und damit allen schaden. Auch ließe sich mit dem Hinweis auf den Handelsangriff des feindlichen Westens die Festungsmoral im eigenen Land stärken. Zur Sicherheit macht Putin schon mal das Antwortgeschütz scharf: Am Mittwoch bereitete der russische Föderationsrat ein Gesetz vor, das die Beschlagnahmung des Eigentums ausländischer Firmen ermöglicht.

Das ist Teil eines Nervenkriegs, bei dem es Russland auch am Rande des Abgrunds noch nicht schwindelt. Eine schärfere Waffe wären westliche Einreiseverbote für die Führungselite Russlands. Aber sie würden nur schmerzen, wenn sie nicht mittelhohe Beamte, sondern Vertreter des engsten Umkreises des Präsidenten träfen. Wie Putin darauf reagieren würde, ist unvorhersehbar.