Heute mal nichts über Putin, Krim und Ukraine, sondern über Europa? Eigentlich doch, weil die Krim-Annexion die EU mit einer gänzlich neuen Lage konfrontiert. Dies wäre erst recht der Fall, wenn auf diese "Arrondierung" der Einmarsch in die Ost-Ukraine folgt, an deren Grenzen Moskau seine Stoßtruppen massiert. Hoffen wir, dass es bloß eine Drohgebärde ist, die Kiew einschüchtern und gefügig machen soll.

Wie hat sich die Bühne plötzlich verändert? Zum ersten Mal seit 1948, als Warschau und Prag unter sowjetische Herrschaft gezwungen wurden, hat eine Großmacht die Grenzen in Europa mit Gewalt verändert. Früher war das 500 Jahre lang Routine. Seit fast 70 Jahren ist sie out. Jetzt aber muss neu nachgedacht werden.

Es gibt zwei Möglichkeiten. Russland begnügt sich mit der Krim und mit einer gefügigen Regierung in Kiew. Dann, unter nachlassenden Schmerzen, zurück zu "business as usual". Oder der Kreml arrondiert weiter im "Nahen Ausland". Spätestens dann gelten die freundlichen Prämissen von gestern nicht mehr.

Für die Abwehrreaktion kommen wiederum zwei Möglichkeiten infrage. Die erste: Europa verlässt sich auf seine "weiche Macht", die Putin zugleich straft und lockt. Die EU schließt Russland aus Gremien wie G8 aus. Sie verhängt allerlei schmerzhafte Sanktionen wie Reiseverbote, Technologieverweigerung, Investitionsstopps, Kredit-Sperrungen. Sie nimmt Russland seine wichtigste Einnahmequelle, indem sie Gas und Öl anderswo einkauft. Bedenkt man, dass der deutsche Handel mit Russland nicht einmal die Hälfte des Austausches mit Holland ausmacht, ist Berlin hier besser aufgestellt als der Kreml.

Das Ganze wird gepaart mit der Einladung: "Komm zurück in die Gemeinschaft der friedenswilligen Nationen." Diese Strategie ist bei Weitem wahrscheinlicher als der Einsatz "harter Macht", wie es Putin in der Krim vorgemacht hat.

Tatsache ist: Die EU-Länder haben ihre "hard power" seit dem Mauerfall Schritt um Schritt aus der Hand gegeben. Hier ein paar Zahlen: Gemessen am Bruttoinlandsprodukt gibt England heute 2,4 Prozent fürs Militär aus; früher waren es knapp fünf. In Frankreich hat sich das Verteidigungsbudget fast halbiert. Die Deutschen sind von drei Prozent auf 1,3 abgesunken, die Italiener gar auf 1,2. Dagegen Russland: 4,5 Prozent im Jahre 2012. Heute wird es mehr sein.

Bei den Truppenstärken sieht es nicht erfreulicher aus. Deutschland: von 500.000 auf 180.000 Soldaten. Die französische Armee hat nur noch 40 Prozent der Zahlen von 1990. Die Briten haben halbiert. Die Europäer haben geglaubt, dass es auf ihrem Kontinent keine Territorialkriege mehr geben werde. Also sind die Kampfpanzer aus dem Arsenal verschwunden. Die Bundeswehr hatte mal mehrere Tausend, jetzt sind es nur noch ein paar Hundert. Eigentlich reicht die europäische Truppe nicht einmal mehr für die klassische Landesverteidigung.

Das Abspecken war rational unter den alten Prämissen. Es war auch vernünftig, auf hochbewegliche Spezialkräfte zu setzen – für begrenzte Operationen im fernen Ausland. Aber diese Prämissen sind seit der Krim – dicht vor unserer Haustür – ins Wackeln geraten. Dennoch gilt die Wette: Die EU-Länder werden nicht aufrüsten; selbst die Amerikaner rüsten ab.

Putin ist heute der brillanteste Stratege zwischen Moskau, Berlin und Washington. Man darf es ihm nicht verdenken, dass er a) die Krim kassiert hat und b) den militärischen Druck auf die Ukraine verstärkt. Er ist ein gewiefter Opportunist, der Gelegenheiten zu nutzen weiß.

Der Ausblick? 1. Putin hört auf. 2. EU und USA bauen mit nicht-militärischen Mitteln Gegendruck auf. 3. Wenn beides nicht funktioniert, fehlen Europa im machtpolitischen Spiel die militärischen Chips. Und die EU-Länder zeigen keine Lust, sich dieses Kapital zu besorgen. Wie denn angesichts von Defiziten, Schwachwachstum und knappen Kassen? 

P.S. Wladmir Putin wird diese Kolumne nicht lesen und das ist gut so. Er käme sonst auf dumme Gedanken.