Hinter dem spöttischen Begriff "Russlandversteher" verbirgt sich eine alte Debatte, die bis auf Bismarcks "Nie den Draht zu St. Petersburg abreißen lassen" zurückgeht. Das ist grundsätzlich ein vernünftiges realpolitisches Prinzip: Staaten müssen miteinander reden – und noch besser: gedeihliche Beziehungen pflegen. Problematisch wird's, wenn das Prinzip in allzu viel Verständnis, gar in Gehorsam umschlägt.

Allzu viel Verständnis zeigt zum Beispiel die Einlassung, dass Russland durch den Verlust des Imperiums – Putin: "größte geopolitische Katastrophe" – traumatisiert worden sei. Heißt das, Politik sei eine Abart der Psychiatrie, gar, dass Unglücklichsein ein Rücknahmerecht enthalte? Dann könnte sich Österreich, das 1919 auf einen Bruchteil der Habsburger Besitztümer schrumpfte, noch einiges mehr zurückholen als Russland mit der Krim. Oder der Islam mit Andalus, dem heutigen Spanien.

Österreich ist schwach, Russland ist stark, wäre die kaltschnäuzige Erwiderung. Dann schafft Macht Recht? Genau so haben die Athener im berühmten Melier-Dialog doziert, als sie den Insulanern im Peloponnesischen Krieg erklärten: "Die Starken tun, was sie können, die Schwachen, was sie müssen." Als die Melier sich weigerten, dem athenischen Bündnis beizutreten, wurden die Männer massakriert und die Frauen und Kinder in die Sklaverei verkauft. Das war allerdings vor 2.500 Jahren und so wollen wir doch im heutigen Europa nicht mehr leben – oder? 

Wie wär's dann mit der "Wie du mir, so ich dir"-Doktrin, die jüngst Altbundeskanzler Gerhard Schröder aufgestellt hat? Er selber hätte 1999 im Serbien-Krieg ebenfalls internationales Recht gebrochen, als Deutschland im Nato-Verbund und ohne UN-Mandat Serbien bombardierte. Etwa: Der Polizist schießt, der Einbrecher auch, ergo sei der eine nicht besser als der andere.

Jedes Rechtssystem unterscheidet freilich die Motive: War es Aggression oder die Verhinderung eines größeren Übels? Russland hat mit dem Gewalteinsatz klassische Aneignungspolitik betrieben, das Ziel des Westens war ein humanitäres: der Schutz der Kosovaren vor "ethnischer Säuberung" oder gar Mord. In keinem Augenblick waren Leib und Leben der russischen Mehrheit auf der Krim bedroht. Um die Sache ins Absurde zu steigern: Wie viel Verständnis würden wir zeigen, wenn Erdoğan seine Schutzpflicht auf die 200.000 Türken in Berlin ausdehnen würde?

Überhaupt das Argument cosi fan tutte – so machen es alle; man greift sich, was man kriegen kann. Im Lichte kalter Realpolitik verdient Putin tatsächlich ein "Kann man verstehen". Das Risiko war minimal, der Gewaltseinsatz ebenfalls. Der geografische Vorteil war auf seiner Seite und er hätte sein gesamtes Vermögen, das in die Milliarden geht, darauf verwetten können, dass der Westen nicht einen einzigen Schuss abfeuern würde.  

Aber haben nicht auch die Amerikaner im Irak zugeschlagen? Abgesehen davon, dass Rot-Grün damals den Irakkrieg heftig bekämpft hat und Putin jegliche Intervention in Syrien als völkerrechtswidrig verdammt, bleibt: Zwei- oder dreimal falsch ergibt nicht einmal richtig. Das ist der springende Punkt im Europa des 21. Jahrhunderts. Der Griff nach der Krim verschiebt zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg die Grenzen in neoimperialistischer Absicht. Dieser Regelbruch darf nicht zum Präzedenzfall werden – aus moralischen wie praktischen Gründen. Denn es gibt zu viele Grenzen in Europa, die dem einen oder anderen Staat nicht passen. Und zu viele Minderheiten, die gern etwas Hilfe von außen hätten.

Wie steht es um die Ukraine, um dieses alte russische "Kernland", dem sich die EU auf unziemliche Weise genähert habe, wie die Verständnisvollen fragen und die Russen behaupten? Auch hier ist die Regelhaftigkeit entscheidend, der sich das Neue Europa verschrieben hat. Konkurrenz? Bitte schön. Gewalt muss aber out sein, auch wenn Moskau nur die Waffe des Erdgases, also der Erpressung schwingt. Deshalb handelt die EU richtig, wenn sie Kiew Gaslieferungen verspricht. Kurz: Es gibt kein Konkurrenz-, aber sehr wohl ein Gewaltverbot. Das gilt auch für Volksabstimmungen im Schatten der Panzer.

Das letzte Argument der Verständnisvollen lautet: Russland einbinden, nicht ausgrenzen, zumal es sich so "eingekreist" fühle. Natürlich. Bloß gehören zum Einbinden immer zwei, und Russland hat gerade gezeigt, dass es Eingreifen höher schätzt.

Der Westen hat 2008 eine ähnliche Operation in Georgien hingenommen, aber Putins Opportunismus nicht gedämpft. Die Ukraine ist dichter dran. Es hilft der Verständigung, wenn die andere Seite versteht, dass ein Land, das sich über elf Zeitzonen erstreckt, nicht noch weiter arrondieren muss.