Vor einem guten Jahrzehnt veröffentlichte Thomas Barnett ausgerechnet im US-Männermagazin Esquire einen Beitrag, der enormen Einfluss auf die westliche Sicherheitspolitik der kommenden Jahre haben sollte. Unter der Überschrift "Die neue Landkarte des Pentagon" warnte Barnett vor einer immer enger vernetzten Welt, in der von der Globalisierung abgekoppelte "gescheiterte Staaten" die größte Bedrohung darstellten. Barnett zog die plausible Schlussfolgerung, dass die Vereinigten Staaten auf diese Situation mit einer globalen State-Building-Kampagne reagieren sollten.

Nach dem Ende des Kalten Krieges lieferte dieser Ansatz all denjenigen eine politische Vision, die auf der Suche nach einem zukunftsweisenden Paradigma für die amerikanische Sicherheitspolitik waren. Die Zeiten des Großmachtrealismus waren Geschichte, und nach dem Ende der Blockkonfrontation erschienen das Ausgreifen von Bürgerkriegen oder der internationale Terrorismus als die größten Gefahren. Die Mehrzahl dieser Risiken wurde mit dem Scheitern von Staaten in Verbindung gebracht. Diese Einschätzung prägte nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch in Europa eine ganze Ära und ist bis heute einflussreich geblieben. Jüngstes Beispiel dafür sind nicht zuletzt die aktuellen Rufe, schwache Staaten in Afghanistan, Mali oder der Demokratischen Republik Kongo zu unterstützen.

Heute wird jedoch zugleich immer deutlicher, dass dieser Ansatz eine strategische Ablenkung war. Denn schwache Staaten stellen weder für die Vereinigten Staaten noch für Europa eine kritische Bedrohung dar. Im Gegenteil: Gefährlich ist vielmehr der verengte Fokus auf schwache Staaten, der politische Aufmerksamkeit von weit wichtigeren Prioritäten ablenkt.

Der Versuch, gescheiterte Staaten zu unterstützen, hat stets unter einem fundamentalen Denkfehler gelitten: Akteure von außen können Entwicklungsbemühungen vor Ort und die Politik legitimer Regierungen in den betroffenen Gesellschaften nicht ersetzen. Ohne eine lokale politische Klasse, die dem Rechtsstaat und effektiver Regierungsführung verpflichtet ist, kann politischer Wandel nicht gelingen. Dabei ist es unerheblich, wie wohlmeinend eine Intervention sein mag, über welche Machtinstrumente die äußeren Akteure verfügen oder welche Ressourcen sie einsetzen.

Die Vereinigten Staaten, Deutschland und andere haben sich nun mehr als ein Jahrzehnt lang bemüht, einen Rechtsstaat in Afghanistan zu errichten. Dennoch sind die Ergebnisse überschaubar, denn lokale Politik und soziokulturelle Normen haben die Bemühungen externer Technokraten konterkariert. Daher verweisen Kritiker des europäischen Ansatzes gegenüber gescheiterten Staaten mit Recht auf begrenzte Fähigkeiten und auf den mangelnden politischen Willen zum Erfolg. Doch selbst eine Vervielfachung der eingesetzten Ressourcen würde keinen wirklichen Unterschied machen.

Falscher Fokus auf gescheiterte Staaten

Die Theorie der gescheiterten Staaten greift noch aus einem anderen Grund zu kurz. Denn sie beruht auf einer Fehlberechnung des eigentlichen nationalen Interesses. Die mit schwachen Staaten in Verbindung gebrachten Herausforderungen wie Terrorismus, Instabilität oder globale Gesundheitsprobleme reflektieren eigentlich nur viel breiter angelegte globale Risiken. Terroristen werden nicht nur in gescheiterten Staaten rekrutiert, sondern auch in Großbritannien, Schweden, Indien, Pakistan und vielen anderen Ländern. Und auch ihre Aktivitäten beschränken sich keineswegs auf gescheiterte Staaten. Das Gleiche gilt für die Verbreitung von Krankheiten, für organisiertes Verbrechen oder für jedes andere Gebrechen, das schwachen Staaten zugeschrieben wird. Dabei wird aber übersehen, dass diese Bedrohungen nicht einmal dann verschwänden, wenn alle sogenannten gescheiterten Staaten den Pfad in Richtung guter Regierungsführung einschlügen.

Dieser falsche Fokus hatte zur Folge, dass die politische Aufmerksamkeit westlicher Staaten von viel wichtigeren strategischen Langzeitprioritäten abgelenkt wurde. Die Sicherheit von Handelsnationen wie Deutschland und den Vereinigten Staaten wird entscheidend von globalen Trends wie den Beziehungen der Großmächte untereinander geprägt. So geht es aktuell darum, Chinas globalen Aufstieg zu managen und darum, auf russische Bemühungen um strategischen Einfluss zu reagieren. Doch wir stehen auch vor der Aufgabe, den Klimawandel unter Kontrolle zu bringen und Normen und Institutionen auf die Beine zu stellen, die gravierende Störungen im globalen Kapitalfluss verhindern können.

Diese Fragen haben sehr viel weitreichendere Auswirkungen auf die langfristige Sicherheit und den Wohlstand von Europäern und Amerikanern als schwache Staaten. Und dennoch wurden im vergangenen Jahrzehnt weit mehr Energie, Ressourcen und Überlegungen in gewagte State-Building-Versuche investiert, als in diese tatsächlich sehr viel bedeutsameren strategischen Herausforderungen.