Das Foto erschien weltweit in mehr als tausend Zeitungen. "Ein biblischer Anblick von Leid" titelte die britische Daily Mail. Zehntausende Videos und Fotos existieren mittlerweile von dem Bürgerkrieg in Syrien, doch keines dokumentiert die menschliche Apokalypse so eindringlich wie die von Hunger und Todesangst gezeichneten Gesichter, die dicht gedrängt inmitten der Ruinen des Yarmouk-Viertels in Damaskus auf UN-Notrationen warten. 23 Millionen Mal wurde das Bild per Twitter verschickt, praktisch genauso oft wie Syrien Einwohner hat. "Die Menschen sterben und sind bereits von Ratten angefressen, bevor die Nachbarn ihre Leichen überhaupt bergen können", berichtete einer der Bewohner.

Drei Jahre unbeschreibliche Gewalt und Verzweiflung lasten mittlerweile auf den Seelen der syrischen Bevölkerung, von der die Hälfte auf der Flucht ist. Ihre Häuser sind Ruinen, Schulen und Krankenhäuser zerstört, Bäckereien und Felder verwüstet. Ungezählte Familien haben alles verloren, ihre Angehörigen, ihre Existenz und ihr Vertrauen in die Zukunft. Gleichzeitig überfordert der Massenexodus aus Syrien immer mehr die Kräfte der Nachbarländer. Gut 2,5 Millionen Flüchtlinge haben sich bisher in den Libanon, die Türkei, den Irak, nach Jordanien und Ägypten in Sicherheit gebracht – die größte Flüchtlingskatastrophe in der modernen Geschichte des Nahen Ostens. Zwei Drittel von ihnen sind nach jüngsten Umfragen überzeugt, dass sie ihre Heimat nie mehr wiedersehen werden. Weitere sieben bis acht Millionen irren im Landesinneren zwischen den Fronten herum.

Dabei hatten die aufständischen Bürger am 15. März 2011, der ersten landesweiten Massendemonstration gegen die Diktatur von Baschar al-Assad, mit heroischem Mut versucht, sich nicht provozieren zu lassen und ihre Rechte gewaltfrei einzufordern. Wochenlang trotzten sie den Schüssen der Sicherheitskräfte, den Greifkommandos des Regimes sowie den systematischen Folterkampagnen. Dieses zivile Aufbegehren ist längst Geschichte, untergegangen in einem schier endlosen Strom von Mord und Totschlag. Hatten ein Jahr später im März 2012 bereits 8.500 Männer, Frauen und Kinder ihr Leben verloren, waren es Ende des zweiten Kriegsjahres bereits 80.000, heute liegt die Zahl der Opfer bei mindestens 140.000.

Die grausamen Kämpfe haben das ganze Land erfasst, auch die Hauptstadt Damaskus. Städte wie Aleppo, Homs, Hama, Deraa und Deir Ezzor sind schwer verwüstet und müssen zum Teil ganz neu aufgebaut werden. Seit Sommer 2013 gewinnt die syrische Armee langsam die Oberhand, unterstützt von Eliteeinheiten der Hisbollah. An zahlreichen Fronten hat sie die Rebellen zurückgedrängt, zumal diese in den letzten Monaten auch heftige Kämpfe untereinander geführt hat. Noch herrscht ein militärisches Patt zwischen Regime und Opposition, doch Assad fühlt sich wieder so sicher im Sattel, dass er im Juni Präsidentenwahlen abhalten und für eine dritte Amtszeit kandidieren will. Wie das funktionieren soll, weiß niemand.

Islamische Front gewinnt Oberhand

Aufseiten der Aufständischen wird die Hauptlast der Kämpfe mittlerweile von den durch die Golfstaaten finanzierten Islamisten-Brigaden getragen, deren 45.000 Bewaffnete sich zur Islamischen Front zusammengeschlossen haben. Den moderaten Rebellen der Freien Syrischen Armee dagegen mangelt es an Waffen und Munition, ihre politische Führung ist heillos zerstritten. Die Genfer Verhandlungen im Januar und Februar mit dem Regime gingen ohne jede Annäherung auseinander. Experten wie Christopher Phillips vom britischen Thinktank Chatham House sprechen inzwischen von einem "unlösbaren Konflikt".

Und selbst wenn sich eines Tages ein Waffenstillstand erreichen ließe: Ein geeintes Syrien wird es wohl nicht wieder geben. Gut ein Jahrzehnt nach dem Einmarsch der US-Armee in den Irak steht damit ein weiteres Land der orientalischen Kernregion vor dem inneren Zerfall. Entsprechend düster fällt das Fazit von Robert Ford aus, der das erste Jahr des Volksaufstandes als US-Botschafter vor Ort miterlebte. "Das Syrien, was es einmal gab, existiert nicht mehr", sagte er auf einer Konferenz in Boston. "Am Ende übrig bleiben wird ein Land, zerstückelt in kleine Kantone und beherrscht von rivalisierenden Warlords."