In der Türkei aber trafen sich in diesen Tagen vier Männer zum Gespräch. Außenminister Ahmet Davutoğlu, sein Staatssekretär Feridun Sinirlioğlu, der General Yaşar Güler und Geheimdienstchef Hakan Fidan. Davutoğlu beginnt das Gespräch so: "Der Premierminister hat gesagt, dass wir in der gegenwärtigen Situation diesen Angriff (gemeint ist die Bedrohung des Grabs) als Chance für uns sehen sollten." 

Der Geheimdienstchef, ein enger Vertrauter Erdoğan, schlägt sofort vor: "Ich schicke vier Männer auf die andere Seite und lasse sie acht Stück (also Granaten oder Raketen) auf ein leeres Feld (in der Türkei) schießen. Das ist kein Problem. Ein Vorwand lässt sich konstruieren.." Der General ist konsterniert: "Das ist ein direkter Kriegsgrund", sagt er. "Ich meine, was wir da tun würden, ist ein direkter Kriegsgrund!"

Als das Gespräch auf Youtube auftaucht, wird der Dienst gesperrt

Die oberste türkische Staatsführung diskutiert, ob sie einen Krieg mit Syrien beziehungsweise den dort kämpfenden Gruppen herbeiführen will. Die vier schmieden allerdings keine definitiven Pläne, sondern wägen ab, wie es im Syrienkonflikt weitergehen könnte, wie man dann zu reagieren hätte, sie reden über Panzer und Völkerrecht. Und sie rätseln, was ihr Premier Erdoğan wohl will, was er wohl gemeint hat. Und seitdem der Mitschnitt bei YouTube auftauchte, rätselt auch die Öffentlichkeit: Würde die türkische Regierung wirklich einen Krieg in Syrien beginnen, um davon innenpolitisch zu profitieren? Davutoğlus Hinweis, "in der gegenwärtigen Situation" sei die Eskalation eine Chance, wird von manchen so gedeutet. Am Sonntag stehen die wichtigen Kommunalwahlen in der Türkei an, im August folgen dann die Präsidentschaftswahlen.

Die Aufnahme ist eines von etlichen anonym veröffentlichten Dokumenten, die der türkischen Regierung in den vergangenen Wochen Probleme gemacht haben. Mal geht es um die Millionen der Familie Erdoğan, mal um Bestechung durch die Baubranche, in den allermeisten Fällen lässt sich die Echtheit nicht belegen und die Regierung streitet einfach alles ab.  

Diesmal allerdings nicht: Wegen der Aufnahme ließ die Regierung YouTube blockieren. Wegen ihr schäumt das Außenministerium: "Schwerster Verrat" sei das, Spionage, die auf's Schwerste bestraft werde. Damit bestätigt die Regierung indirekt, dass die Aufnahme echt ist. Die offizielle Sprachregelung lautet: Das Treffen hat stattgefunden und mögliche Reaktionen auf eine Eskalation rund um das Grab wurden erörtert.

Politik der "guten Nachbarschaft" längst vorbei  

Das Gespräch wirft ein Schlaglicht auf die verkorkste Syrien-Politik der Türkei, auf die gescheiterte Außenpolitik insgesamt. Die Regierung wollte im mittleren Osten ein Vorbild und Vermittler sein. Ein "guter Nachbar", der mit allen befreundet ist. So lautete die Doktrin Erdoğan und die seines Außenministers Davutoğlu.

Vier Jahre später ist davon nicht mehr viel übrig. Im Syrien-Konflikt hat die Türkei früh Partei ergriffen für die Rebellen, die Assad stürzen wollten. Sie unterstützten sie mit Worten und Waffen. Vor wenigen Monaten fanden türkische Polizisten im Konvoi einer Hilfsorganisation, der auf dem Weg nach Syrien war, Raketen und Munition. Zur Strafe wurden die zuständigen Ermittler ihrer Posten enthoben.