Der Statthalter Erdoğans in Istanbul steht auf dem Balkon eines Wohnhauses im Viertel Beyoğlu und lobt sich selbst. Für saubere Luft habe er gesorgt, sagt Oberbürgermeister Kadir Topbaş. Dafür, dass die Müllabfuhr endlich funktioniert. Und eine neue Metro hat er auch bauen lassen. Seit zehn Jahren regiert der 69-jährige AKP-Politiker die größte und wichtigste Stadt der Türkei. Dramatisch verändert hat sich Istanbul in dieser Zeit, ist auf über 14 Millionen Einwohner gewachsen und an allen Ecken umgebaut worden. Topbaş hatte daran großen Anteil. 

Seine erste Aufgabe aber war all die Jahre und ist es jetzt mehr denn je: Erdoğans Macht sichern. Am Sonntag sind Kommunalwahlen in der Türkei und nirgendwo sind sie wichtiger als in Istanbul. Wer diese Stadt regiert, regiert das ganze Land, heißt es. Der Kandidat der oppositionellen CHP Mustafa Sarigül ist in den jüngsten Umfragen auf gefährliche fünf Prozent an Topbaş herangekommen. Topbaş darf auf keinen Fall verlieren. 

Hunderte Menschen drängen sich auf dem kleinen Platz vor dem Balkon, schwenken Türkeiflaggen und Schals in orange, der Farbe der konservativ-islamischen Regierungspartei AKP. "Unser Bürgermeister hält, was er verspricht",  sagt Fatma, eine 46-jährige Wählerin. "Er hat dafür gesorgt, dass wir einen Wasseranschluss haben und neue Straßen." Fatma fügt hastig hinzu: "Und vor allem lieben wir unseren Ministerpräsidenten Tayyip Erdoğan."

Vergangenes Wochenende hat Fatma eine Wahlkampfveranstaltung Erdoğans besucht. Mit dem Hubschrauber wurde der Ministerpräsident eingeflogen und sprach vor Hunderttausenden Anhängern. Oberbürgermeister Topbaş war auf dieser Veranstaltung nur eine Nebenfigur. Auch jetzt in Beyoğlu reden die Menschen wenig über ihren Oberbürgermeister oben auf dem Balkon und viel über ihren Premier in Ankara. Topbaş ist der Kandidat, Erdoğan steht auf keinem Wahlzettel, aber das ist egal. Der türkische Premier entscheidet diese Wahl. Wer für ihn ist, wählt AKP. Und wer gegen ihn ist, wählt CHP.

Die Wahl am Sonntag, bei der es unter anderem um Bürgermeister und Stadträte geht, ist für die Regierungspartei AKP der erste Test nach einem Jahr voller Krisen: Durch Gezi-Proteste, Korruptionsskandale und eine schwächelnde Währung steht die Regierung unter Druck und agiert immer autoritärer. Ministerpräsident Erdoğan hat die Wahl zur Entscheidung über seinen Regierungsstil ausgerufen. Sollte seine Partei die Kommunalwahl verlieren, werde er sich aus der Politik verabschieden, kündigte Erdoğan in einem Interview an. Das aber ist unwahrscheinlich.

Knapp 39 Prozent erreichte die AKP in den Kommunalwahlen 2009, die größte Oppositionspartei CHP nur 23 Prozent. Der Abstand könnte diesmal etwas schrumpfen, mehr auch nicht. Niederlagen in den Großstädten, in Ankara und Istanbul vor allem, würden Erdoğan schwächen. Istanbul ist ökonomisches Zentrum des Landes und wird seit zwanzig Jahren von der AKP beziehungsweise deren Vorgängerpartei RP regiert. Auch Erdoğan war mal Bürgermeister von Istanbul.

Sarıgül ist ein Star in Şişli

Der Mann, der ihm nun so gefährlich wird, kommt gerade kaum einen Meter voran. Mustafa Sarıgül kämpft sich von seinen Anhängern bedrängt durch eine Straße im Stadtteil Şişli, neben ihm sein Wahlkampfbus. Sarıgül lächelt etwas gequält, als er sich durch die jubelnde Menge schiebt. "Çare Sarıgül", "Ausweg Sarıgül", rufen sie.

Der 57-Jährige kandidiert für die CHP. Die Partei hatte ihn dafür extra kurz zuvor zurückgeholt, nachdem sie ihn vor Jahren wegen zu großer Machtambitionen verstoßen hatte. Sarıgül ist hier ein Star und sein Wahlkampfauftritt ein Heimspiel: Seit 15 Jahren ist er Bezirksbürgermeister des Istanbuler Stadtteils Şişli. In dem wohlhabenden Banken- und Geschäftsviertel leben mehr als 300.000 Menschen. Sarıgül steigt auf den Wahlkampfbus und verspricht: "Das Klima in der Türkei wird sich von Şişli aus ändern." Die Wähler würden am Sonntag über die Zukunft ihrer Kinder und Enkel entscheiden. Das klingt nicht nach Kommunalwahl. Auch für Sarıgül ist diese Wahl eine Abstimmung über die Politik Erdoğans, er ist sein eigentlicher Gegner.

In Istanbul werde er für die Rechte seiner Wähler eintreten, verspricht er und fügt selbstbewusst hinzu: "Die Herzen der Menschen, die mich nicht gewählt haben, werde ich in kurzer Zeit erobern." Sarıgüls Anhänger glauben, er habe das Zeug zum Oberbürgermeister. "Er behandelt alle gleich", sagt der Rentner Yildiz Yidirim. "Die AKP polarisiert die Menschen. Alle die nicht für sie sind, sind in ihren Augen gegen sie."