Für einige Minuten ist es wie einst im Sommer, für einen kurzen Moment gehört die Istiklal-Straße im Herzen Istanbuls wieder den Demonstranten. "Berkin ist unsterblich", rufen sie in Richtung der Polizei. Sie sind eingekesselt: Vor ihnen liegt der Taksim-Platz, Einsatzpolizisten, die Gasmasken aufgesetzt haben, versperren ihnen den Zugang. Hinter den Protestierenden das gleiche Bild: In den Seitenstraßen, in der Fußgängerzone – Polizisten. Die Gewehre mit den Tränengaspatronen im Anschlag 

Eine jener Gaskartuschen traf im vergangenen Sommer während der Gezi-Proteste den 15-Jährigen Berkin Elvan am Kopf. Seine Eltern sagen, Berkin sei nur zum Brot holen aus dem Haus gegangen. Monatelang lag er im Koma, jetzt ist er gestorben. Am Mittwochnachmittag war seine Beerdigung in Istanbul. Er ist das achte Todesopfer der Gezi-Proteste. Wegen ihm sind am Mittwochnachmittag und -abend die Straßen voller Menschen in Istanbul, Ankara, Izmir und vielen, vielen anderen türkischen Städten. Hunderttausende, sagen manche. Sie trauern um Berkin und sie sind wütend über seinen Tod, für den bis jetzt niemand zur Rechenschaft gezogen wurde. 

Auf der Istiklal-Straße rufen sie jetzt "Tayyip ist ein Mörder". Ein Satz zu viel. Die Polizei verschießt ihr Gas, es nimmt den Atem, brennt in Lunge und Augen. Panik bricht aus, sie retten sich in Cafés und Seitenstraßen, die Polizei jagt hinterher. Es ist eine von unzähligen, kleinen Konfrontationen an diesem Abend. Als der Abend und die Nacht vorbei sind, sind zwei weitere Menschen gestorben. Ein Polizist und ein Demonstrant. Todesopfer neun und zehn der Proteste gegen die Regierung von Recep Tayyip Erdoğan, die nun seit fast zehn Monaten andauern, und nun erstmals wieder jene Größe und jene Dramatik erreicht haben, die sie im vergangenen Sommer hatten, als die ganze Welt auf den kleinen Gezi-Park im Herzen Istanbuls sah.

"Überall ist Widerstand"

Der Widerstand war nie weg seitdem, er war nur kleiner. Menschen gingen gegen Internetzensur und Korruption auf die Straße, jedes Mal löste die Polizei auch die kleinsten Proteste mit Tränengas auf. Mittlerweile steht an fast jeder Ecke im Istanbuler Stadtzentrum ein Trupp der Einsatzpolizei, sie gehören längst zum Straßenbild. Dazu kommen zahllose Zivilpolizisten, leicht zu enttarnen durch ihre knisternden Funkgeräte. Der repressive Staat ist allgegenwärtig im Stadtbild. Eine ständige Drohkulisse, die die Demonstranten in dieser Nacht zu Donnerstag erstmals wieder ignorierten.

In 33 der 81 türkischen Provinzen gingen sie auf die Straße. Die größte Demo zog durch den Istanbuler Stadtteil Şişli. Es war, als würden die Gezi-Proteste wieder aufleben. Die Menschen klatschten und riefen: "Überall ist Taksim, überall ist Widerstand." Einige hatten sich einen Laib Brot um den Arm gebunden. Andere hielten ein Bild Erdoğans hoch mit dem Satz: "Ich habe den Befehl gegeben." Erdoğan hatte sich im Sommer damit gebrüstet, dass er die Polizei kontrolliert und diese als Helden gelobt. 

Es ist wieder da, das Gezi-Gefühl: Der Zusammenhalt der Demonstranten aus allen Bevölkerungsschichten gegen die ungeliebte Regierung. Nur diesmal sind die Menschen wütender. "Der Tod Berkins hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Er ist ein Symbol", sagt Aktivist Ibrahim Kaya. Für die Polizeigewalt und dafür, dass die Regierung ihre schützende Hand über einen ausgewählten Teil der Bevölkerung hält.