Der russische Außenminister Sergej Lawrow hat bestritten, dass Moskau Truppen auf die ukrainische Halbinsel Krim entsandt hat. Die prorussischen Milizen dort seien "Selbstverteidigungsgruppen", über die Russland keinerlei Kommandogewalt habe, sagte er nach einem Treffen mit seinem spanischen Amtskollegen José Manuel García-Margallo in Madrid. "Wenn es Selbstverteidigungskräfte gibt, die von den Bewohnern der Krim gegründet wurden, haben wir über sie keine Befehlsgewalt. Sie erhalten keine Befehle von uns. Dies ist kein russisches Militär." Außerhalb der Marinestützpunkte der Schwarzmeerflotte in der Hafenstadt Sewastopol habe Russland keine Soldaten auf der Krim stationiert.

Dem widersprechen allerdings jüngste Meldungen aus der autonomen Republik. Wie die Regierung in Kiew mitteilte, hätten russische Einheiten zwei ukrainische Raketenstützpunkte besetzt und teilweise unter ihre Kontrolle gebracht. Die russische Nachrichtenagentur Interfax zitiert einen hochrangigen russischen Militärangehörigen mit den Worten: "Wir warten nun auf das Eintreffen von russischen Raketenexperten und prorussischen Aktivisten, die die ukrainischen Soldaten werden überzeugen müssen, gemeinsam die Pflichten zu erfüllen."

Laut eines Sprechers des ukrainischen Verteidigungsministeriums handelt es sich um Kap Fiolent bei Sewastopol und um die Basis Jewpatorija im Westen der Halbinsel. Der Kommandostab und das Kontrollzentrum dort seien aber weiterhin in ukrainischer Hand. Nach Angaben aus ukrainischen Quellen waren bereits am Dienstag etwa 20 Soldaten und mit ihnen mehrere hundert prorussische Aktivisten auf das Gelände des Stützpunktes Jewpatorija vorgedrungen.

In Donezk räumte die ukrainische Polizei am Vormittag nach eigenen Angaben ein Regierungsgebäude. Der Sitz der Regionalregierung im Osten des Landes war von prorussischen Demonstranten besetzt worden. Über dem Gebäude wurde wieder die ukrainische Flagge gehisst.

"Russland sollte Nadelstiche lassen"

Nach dem Sturz des bisherigen ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch und dessen Flucht aus der Hauptstadt Kiew ist die Lage in der Ukraine äußerst instabil. So stellte sich die russischsprachige Mehrheit der Krim-Bewohner gegen die neuen Machthaber um Übergangspräsident Alexander Turtschinow und Übergangspremier Arseni Jazenjuk. Kurz darauf besetzten prorussische Milizen Regierungsgebäude und Flughäfen auf der Krim und bezogen Stellung vor Kasernen der ukrainischen Armee. Zugleich erhöhte Russland seine Militärpräsenz auf der Halbinsel.


Die internationale Staatengemeinschaft müht sich nun um eine diplomatische Lösung – auch im Gespräch mit der russischen Führung. Dabei schätzt die Bundesregierung die Lage auf der Krim weiter als besorgniserregend ein. Seit Montag habe sich dort nichts zum Positiven verändert, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin und wandte sich direkt an die Führung im Kreml: Zwar müssten sich beide Seiten zurückhalten. Allerdings sollte "Russland jeden Nadelstich unterlassen", wenn es überhaupt einen diplomatischen Prozess zur Lösung der Krise geben soll.

Lawrow trifft Kerry in Paris

Darum mühen sich sowohl die Europäische Union (EU) und die Nato – ganz im Interesse der Ukraine. "Wir wollen diesen Konflikt friedlich beilegen", sagte der ukrainische Interims-Außenminister Andrej Deschtschiza nach einem Treffen mit Frankreichs Außenminister Laurent Fabius in Paris. "Wir wollen nicht gegen Russland kämpfen." Lawrow dagegen zeigte sich unnachgiebig, was die Interessen russischer Staatsbürger in der Ukraine und auf der Krim angeht. Ein "Blutvergießen" dort werde Moskau nicht zulassen, sagte der russische Außenminister in Madrid. Die russische Regierung werde Angriffe "auf das Leben und Wohlergehen derjenigen, die in der Ukraine leben, und russische Staatsbürger in der Ukraine" nicht erlauben.


Erstmals seit der Eskalation trifft er sich nun zu einem direkten Gespräch mit seinem US-amerikanischen Amtskollegen John Kerry. Sprechen werden sie in Paris am Rande eines bereits seit langem vereinbarten Gipfels mehrerer Außenminister, darunter auch Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier. Die USA erwägen wegen des Konflikts Sanktionen gegen Russland – ebenso wie die EU, die dazu für Donnerstag die Staats- und Regierungschefs zu einem Sondergipfel einberufen hat. 

Russische Parlamentsabgeordnete wollen dies dann nicht unbeantwortet lassen. Der Agentur Ria zufolge arbeiten einige Duma-Politiker an einem Gesetzentwurf, der Reaktionen auf mögliche Sanktionen der EU oder der USA umreißt. Es geht unter anderem um die Möglichkeit, Eigentum, Vermögenswerte und Konten europäischer und amerikanischer Unternehmen zu konfiszieren.