Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier hält dies für die "Stunde der Diplomatie". Nach dem russischen Einmarsch auf der Krim sei eine Umkehr weiterhin möglich. Jetzt müssten die Botschaften klar sein, und zwar: Die militärischen Aktivitäten auf der Krim seien völlig inakzeptabel. Das hatte auch Kanzlerin Angela Merkel dem russischen Präsidenten Wladimir Putin telefonisch bedeutet. Doch so deutlich diese Haltung gegenüber der de facto bereits bestehenden Besatzung der Schwarzmeer-Halbinsel auch scheint: Sie läuft ins Leere, denn eine glaubwürdige Drohung ist damit bislang nicht verbunden.

Wenn Putin überhaupt noch interessiert, was der Westen denkt – und daran muss man in diesen Tagen zweifeln – wird der rücksichtslose Machtpolitiker doch kaum sein Handeln danach ausrichten. Er wird die Aufforderung, von seinen Invasionsplänen abzulassen, zur Kenntnis nehmen. Dann wird Putin fragen:  "Wenn ich einfach weitermache, was tut ihr dann?" Währenddessen bringt er weitere russische Truppen in Stellung.

Der unter Steinmeier fortgesetzte langfristige deutsche Ansatz, immer auch Verständnis für die Politik des Kreml und die vermeintlichen russischen Interessen aufzubringen, die am Ende doch nur jene Putins sind, ist mit der Intervention auf der Krim endgültig gescheitert. Russland als wichtiger internationaler Partner, um Frieden in Europa und anderswo zu sichern – das war schon vorher lange eine Utopie. Ohne Russland geht es nicht, das hieß in den vergangenen Jahren ja vor allem: Mit Russland geht nichts. Weil Putin blockiert oder hintertreibt. Zustande gekommen ist wenig bis nichts.

Annäherung ohne Wandel

Zumindest eine gewisse Berechtigung hatte dieser Ansatz noch, wenn es um Putins autoritäre Herrschaft im Inneren ging: um Menschenrechtsverletzungen etwa gegenüber Homosexuellen, die Unterdrückung einer kritischen Öffentlichkeit und politischer Opposition, den Missbrauch von Justiz und Polizei zur Sicherung der Macht. Der Spagat zwischen durchaus deutlicher Kritik an solchen Entwicklungen und dem so oft vorgebrachten Argument, man dürfe den sprichwörtlichen Gesprächsfaden nicht abreißen lassen – viele Russland-Kritiker mögen ihn als zu weich verurteilt haben, doch hier hatte einen Sinn.

Denn es ging nicht in erster Linie darum, noch mit Putin zu reden, zynischerweise im Geschäft zu bleiben, obwohl er Dinge betrieb, die man nur ablehnen konnte. Die zivilgesellschaftliche Zusammenarbeit, also der Zugang zu Akteuren unterhalb der Regierungsebene, die Veränderungen mitgestalten könnten, stand eben auch auf dem Spiel. Wandel durch Annäherung, wenn man so will, war das Ziel. Wobei sich trefflich darüber streiten lässt, wie viel Annäherung zu viel ist, wenn der Wandel nicht konsequent zur Bedingung gemacht wird.