Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) sollen versuchen, die angespannte Lage in der Ukraine zu beruhigen. Die OSZE kennt sich mit der dortigen Konfliktlage gut aus. Der ehemalige norwegische Außenminister, Knut Vollebæk, war während seiner Amtszeit als Hoher Kommissar der OSZE für nationale Minderheiten zwischen 2007 und 2013 oft in der Ukraine unterwegs. Mehrfach warnte er vor dem Gewaltpotenzial des Landes und vor einer möglichen Spaltung. Mit ZEIT ONLINE sprach er nun über die aktuelle Krise. 

ZEIT ONLINE: Die OSZE-Beobachter haben Probleme, überhaupt auf die Krim zu gelangen. Kann diese Mission die Spannungen reduzieren?

Vollebaek: Ich glaube, die Präsenz könnte helfen, die Spannungen zu verringern. Die größte Herausforderung ist es, beide Seiten in den Prozess einzubeziehen - die lokalen De-facto-Behörden und Kiew. Man muss Vertrauen zwischen den unterschiedlichen Gruppen schaffen. Neben der ukrainischen Minderheit gibt es dort auch noch die Krimtataren. Sie waren unter Stalin vertrieben worden und sind erst 1995 zurückgekehrt. Allerdings haben sie, anders als erwartet, keinen Boden zurückbekommen. Deswegen fühlen sie sich ausgeschlossen und marginalisiert. Sie haben am meisten Angst vor einer Machtverschiebung.

Man muss aber realistisch sein - ich habe in Kosovo an einer Mission teilgenommen, und wir haben es damit leider nicht geschafft, den Kosovo-Konflikt zu lösen. Dennoch  haben wir oft gesehen, dass eine internationale Präsenz stabilisierend und beruhigend wirken kann, weil sie den unterschiedlichen Gruppen Kanäle gibt, über die sie ihre Ansichten, Klagen und Ängste vermitteln können. Das muss eine der wichtigsten Aufgaben einer Beobachtermission sein - beobachten und berichten, aber auch Fragen und Ängste der Gruppen auffangen und an Behörden und die internationale Gemeinschaft weitergeben.

ZEIT ONLINE: Als Hoher Kommissar haben Sie sich mit dem umstrittenen Sprachengesetz beschäftigt, das das Parlament nach Janukowitschs Flucht aufgehoben hat. 2012 haben Sie dieses Gesetz scharf kritisiert - es sei "zutiefst spaltend" und favorisiere "disproportional Russisch"?

Vollebaek: Jedes Land hat das Recht zu entscheiden, welche Sprache die Staatssprache sein soll. Die internationale Gemeinschaft kann sich da nicht einmischen. In Norwegen ist es Norwegisch und die Ukraine hat sich nun für Ukrainisch entschieden. In Moskau haben sie sich darüber beklagt, und dasselbe habe ich von ethnisch russischen Gruppen in der Ukraine gehört.

Dass ich als Hoher Kommissar 2011 gegen die Einführung des Sprachengesetzes protestierte und das Russisch favorisierte, lag daran, dass uns klar war, dass es zu Unruhen kommen würde. Deswegen haben wir gesagt, dass dies eine unkluge Politik war und haben davor gewarnt.

ZEIT ONLINE: Sie haben damals auch gesagt, das Sprachengesetz könnte gar den Zusammenhalt der Ukraine gefährden...

Vollebaek: Man musste kein Prophet sein, um das zu sagen. Die Geschichte zeigt ja, dass Sprache und Kultur in allen Gesellschaften wichtig sind. Deswegen sollten Politiker nichts tun, was das Gleichgewicht stört oder als Untergrabung der Legitimität einer Gruppe interpretiert wird.