Spätestens am vergangenen Dienstag wurde die Annexion der Krim durch Russland auch für die letzten ukrainischen Soldaten dort drastisch spürbar. "Wir wurden vorübergehend aufgelöst", sagte ein fassungsloser Soldat in Sewastopol, während russische Kräfte die ukrainischen Stützpunkte stürmen. "Ich bin hier geboren und aufgewachsen, habe 20 Jahre lang hier gedient, wohin soll ich denn nun gehen?" Ein anderer Soldat sagt: "Wenn sie mir sagen, ich soll die Krim verlassen, dann gehe ich. Ich bin kein Partisan."

Außer dem Überlaufen oder Flucht wird den ukrainischen Soldaten auch wenig anderes übrig bleiben. Die neue Führung in Kiew hat den Rückzug ihrer Soldaten von der Halbinsel angekündigt. Zwar betont die Übergangsregierung, den Verlust der Krim "niemals" zu akzeptieren. Doch die ukrainischen Truppen werden abziehen – allein schon um einen Bruderkrieg zu verhindern, der auf der Krim ganz wörtlich zu nehmen wäre. 

Die familiären Verbindungen zwischen den Armeen aus Zeiten der Sowjetunion sind eng. "Angehörige derselben Familien arbeiten dort teilweise bei den ukrainischen oder russischen Streitkräften, deren Verbände oft in den gleichen Stützpunkten eng beieinander stationiert sind", sagt Wolfgang Richter, früherer Oberst der Bundeswehr und heute Militär- und Sicherheitsexperte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).

Zum drohenden Bruderkrieg kommt die faktische Unterlegenheit: Die von Kiew befehligte Armee kann mit der russischen nicht mithalten, was Stärke und Ausrüstung betrifft. Und die Halbinsel im Schwarzen Meer ist für die Ukraine zwar von überragender politischer Bedeutung. Militärstrategisch spiele sie derzeit aber nur eine untergeordnete Rolle, sagt Sicherheitsexperte Richter. Weder verfüge die Ukraine über nennenswerte Seestreitkräfte noch über eine kohärente maritime Strategie, die über den Küstenschutz im Schwarzen Meer hinausginge.

Erosion der ukrainischen Armee

Vermutlich sind ohnehin nur noch wenige Hundert ukrainische Soldaten auf der Halbinsel. Auf der Krim waren die Kräfteverhältnisse schon immer deutlich: Die Ukraine hatte eine Brigade von rund 3.500 Mann stationiert, Russland durfte dem Abkommen zur Schwarzmeerflotte zufolge bis zu 25.000 Soldaten schicken. Inzwischen kommen die sogenannten Selbstverteidigungskräfte sowie Milizen ehemaliger Berkut-Einheiten und prorussischer Söldner hinzu.       

Richter hält es für wahrscheinlich, dass es zu einem weitgehend friedlichen Abzug der Ukrainer kommt – und auch zum "schlichten Verschwinden des Personals". Vergleichbare Auflösungserscheinungen – Soldaten, die einfach zurück in ihre Heimat gingen – habe es Anfang der neunziger Jahre in vielen postsowjetischen Republiken gegeben. "Die Erosion scheint bereits im Gang zu sein", sagt Richter.      

Das gelte nicht nur für die Krim. "Die ukrainische Armee zeigt Anzeichen von Auflösungserscheinungen." Der Bürger- und Bruderkrieg auf dem Maidan mit den vielen Toten habe auch die Streitkräfte verunsichert. "Der Riss, der die ukrainische Bevölkerung in prowestliche und prorussische Gruppierungen spaltet, geht auch quer durch die Streitkräfte." Die Armee entstand aus dem Erbe der Roten Armee, deren Einheiten nach dem Kollaps der Sowjetunion dort geblieben seien, wo sie stationiert waren. "Ungeachtet ihrer ethnischen oder sprachlichen Zugehörigkeit, oft mit gemischten Familien", sagt Richter.      

Die neue Regierung in Kiew wird also kaum auf einsatzfähige und motivierte Streitkräfte zählen können. Von den rund 40.000 Soldaten des Heeres könnten nur noch 6.000 bis 7.000 kampfbereit sein. Dies könnte Richter zufolge auch erklären, warum die ukrainische Regierung die Aufstellung einer Nationalgarde aus 60.000 Freiwilligen forciert – sie soll vermutlich eine Konkurrenz zur regulären Armee sein. "Zu befürchten ist, dass sich von ihr vor allem militante rechtsradikale Kräfte angezogen fühlen", so Richter. Was die Konfrontation mit den Russen wiederum verschärfen könnte.