Die Parteizentrale von Voluntad Popular in Caracas ist nicht leicht zu finden. Im dritten Stock eines Einkaufszentrums im Hauptstadtviertel Chacao öffnet sich schließlich die Sicherheitsglastür. Ein weißes Stahlgitter davor soll ungebetene Besucher abhalten. Das gelingt nicht immer. Vor ein paar Tagen stürmten plötzlich staatliche Sicherheitskräfte mit vorgehaltener Waffe in das Vorzimmer, einfach so. Schnell rissen die erschrockenen Menschen die Arme hoch, Überwachungskameras hielten das bizarre Schauspiel fest. Die Staatsmacht wollte offenbar Stärke demonstrieren, und der martialische Auftritt verfehlte seine Wirkung nicht.

Venezuelas Präsident Nicolas Maduro bezeichnet die Oppositionspartei als rechtsextrem. Es seien ultrarechte Faschisten am Werk, brüllt er täglich in die Mikrofone. Mehrmals am Tag hören ihn die jungen Mitarbeiter in der Zentrale von Voluntad Popular, wie er über sie schimpft, sie demütigt und versucht, ihnen die Würde zu nehmen: Eine Reihe Bildschirme zeigt gleichzeitig die verschiedenen Fernsehprogramme, während an den Tischen eifrige Helfer damit beschäftigt sind, die Tageszeitungen auszuwerten. Ein Kalender an der Wand zeigt den Einsatzplan der Woche. Handgeschrieben steht darauf: Ramo Verde – Mittwoch. Das ist das Militärgefängnis, in dem Oppositionsführer Leopoldo Lopez einsitzt.

Ihm wirft Präsident Maduro Anstachelung zur Gewalt vor und ließ ihn verhaften. Er werde das mit allen Faschisten tun, droht er. Mehr als 1.000 Menschen sind nach Angaben der juristischen Nichtregierungsorganisation Foro Penal Venezolano schon festgenommen worden. Für Rechtsanwältin Tamara Suju ist das ein Beleg dafür, dass der Rechtsstaat in Venezuela nicht mehr funktioniert: "In Venezuela ist die Gewaltenteilung praktisch aufgehoben, denn wenn der Präsident befiehlt, dass jemand verhaftet werden muss, dann folgen Gerichte und Staatsanwaltschaft diesem Befehl."

Nun wartet Lopez in Ramo Verde ab, wie es weitergeht. Ehefrau Lilian Tintori besucht ihn täglich. Weil die Welt derzeit eher in Richtung Ukraine blickt, halten sich internationale Reaktionen in Grenzen. Doch die Haftanstalt vor den Toren von Caracas ist zur Pilgerstätte für die Anhänger der Opposition geworden. Jeden Tag, den Lopez länger einsitzt, wächst seine Anhängerschaft. Er hat selbst dafür gesorgt, dass starke Bilder haften bleiben von dem Moment, als er sich den Behörden stellte. Maduro hat mit der Verhaftung seines Gegenspielers einen Märtyrer geschaffen. Die Heldenverehrung wird noch einmal verstärkt durch die Tatsache, dass Lopez ein Nachfahre des berühmten lateinamerikanischen Freiheitskämpfers Simon Bolivar ist, auf den sich eigentlich immer der im Vorjahr verstorbene Revolutionsführer Hugo Chávez berufen hatte.

Sie wirken eher wie Grüne oder Piraten

Trotz der angespannten Lage in Venezuela geht es bei Voluntad Popular vergleichsweise locker zu. Es sind überwiegend junge Studenten, die sich hier engagieren. Aus den Lautsprechern klingt alternativer Rock, viele sind tätowiert, tragen Piercings. Es wird laut diskutiert und manchmal auch gelacht. Viele sind Computerexperten, die Atmosphäre gleicht einem Protestlager von europäischen Grünen oder Piraten. Rechtsextremes oder gar faschistisches Gedankengut gibt es hier nicht.

Maduro bringt für seine Anschuldigungen auch keine Belege. Er setzt darauf, dass ständiges öffentliches Wiederholen die Beweisführung ersetzt. "Die Regierung kriminalisiert die Opposition, weil sie von den eigenen Problemen ablenken will", sagt David Smolansky. Der junge Bürgermeister von Hatillo ist selbst aus der Generation der Studentenbewegung hervorgegangen, die vor ein paar Jahren noch gegen Chávez demonstrierte. Mittlerweile gehört er zu den führenden Köpfen von Voluntad Popular, gegen die noch kein Haftbefehl vorliegt. Smolansky selbst bezeichnet die Partei als sozialdemokratisch.

"Unsere einzige Chance ist die Straße"

Wie es nun weitergehen soll, weiß niemand so genau. Viele haben Angst, dass Maduro seine Ankündigung wahrmacht, weitere Politiker zu verhaften. Auch Maria Corina Machado, die Galionsfigur der Oppositionsbewegung, droht dieses Schicksal. Trotzdem marschiert sie täglich vorneweg, reist durch die Provinz macht ihren Anhängern Mut. Sie wird auf den Plätzen empfangen wie eine Heilsbringerin. "Unsere einzige Chance ist die Straße", sagt sie.

Von den staatlichen Instanzen und Institutionen sind die Oppositionellen tief enttäuscht. Egal welchen Vorstoß sie unternommen haben, ob im Parlament, in der Justiz oder auf internationaler Bühne – stets hat das mächtige Netzwerk der Sozialisten alles abgeschmettert. Deshalb wollen sie sich Gerechtigkeit und Demokratie nun auf der Straße erkämpfen. Lopez sagte vor seinem Gang ins Militärgefängnis: "Wenn meine Haft für das Erwachen eines Volkes notwendig ist, dann ist es das wert." Venezuelas Opposition setzt in diesen Tagen alles auf eine Karte. Dabei riskiert sie auch, alles zu verlieren.