Es ist ein Tag, an dem der Glanz der Revolution alle Probleme überstrahlen soll. Heute gedenkt die angeschlagene venezolanische Regierung des genau vor einem Jahr gestorbenen Hugo Chávez. Es wird Reden, Feiern und Aufmärsche geben. Beim regierungsfreundlichen länderübergreifenden Nachrichtenkanal Telesur läuft der Doku-Streifen Mein Freund Hugo von Hollywood-Regisseur Oliver Stone. Doch auch die Trauer um den Übervater Chávez kann nicht von den Problemen im Land ablenken. Seit der charismatische Mann von der Bildfläche verschwunden ist, ist die Revolution ins Stocken geraten. Die Wirtschaft läuft nicht mehr rund.


Die Opposition tut sich schwer, aus der Wut über den wirtschaftlichen Niedergang Kapital zu schlagen. Trotz hoher Inflation, einer verheerenden Kriminalitätsrate und Lebensmittelknappheit sitzen die Machthaber in Caracas fest im Sattel. Das liegt an den populären und erfolgreichen Sozialprogrammen, die Chávez noch aufgelegt hat. Seine Wohnungsbauinitiative hat zwar längst nicht allen Menschen, denen es versprochen war, ein neues Dach über dem Kopf ermöglicht, aber er hat sich zumindest darum bemüht. Chávez hat – und das ist sein großes historisches Verdienst – die armen Bevölkerungsschichten erstmals in den Mittelpunkt der Politik gestellt. Rechtskonservative Regierungen in Lateinamerika haben das versäumt.

"Wenn wir das Land verändern wollen, müssen wir auch in den Vierteln erfolgreich sein", zeigte sich Venezuelas Oppositionsführer Henrique Capriles zuletzt selbstkritisch. Die unerschütterliche Machtbasis der Sozialisten sind die Armenviertel. Zwar wächst auch dort die Unzufriedenheit mit der Linken wegen der hohen Inflation und der hohen Kriminalitätsrate, doch das Misstrauen gegen "bürgerliche" Politiker ist noch größer. Die Opposition tut sich mit beißender Kritik an der Regierung hervor, doch inhaltlich hat sie wenig zu bieten.

Da ziehen die Sozialprogramme der Sozialisten besser, die dank der Öleinnahmen finanziert werden können. Die Proteste der vergangenen Wochen tun dem keinen Abbruch. Chávez-Nachfolger Nicolás Maduro, der ein glück- und ideenloses erstes Jahr hingelegt hat, kann zudem auf ein ausgeklügeltes Machtsystem zurückgreifen, dass nahezu jede politische Attacke ins Leere laufen lässt. Justiz, Staatsanwaltschaft und Wahlbehörde sind mit linientreuen Funktionären besetzt, die Klagen abschmettern und die politisch opportune Urteile wie bestellt abliefern.

Selbst der südamerikanische Staatenbund Unasur, der nach Willen Venezuelas über die Krise beraten soll, ist eine Erfindung von Chávez. Die mit Caracas verbündeten Linksregierungen sind dort in der Überzahl. "Das Phänomen Venezuela ist einzigartig, denn wir haben ein Regime, das nach 15 Jahren an der Macht einen Apparat geschaffen hat, der praktisch unkontrollierbar ist", sagt Enrique Altimari, einer der Sprecher der oppositionellen Studentenbewegung in Caracas.

Dazu gehören auch die gefürchteten Colectivos. Das sind regierungsnahe Unterstützergruppen, die einst von Chávez bewaffnet wurden, um im Falle einer Invasion die Revolution zu verteidigen. Nicht alle, aber viele sind mittlerweile zu brutalen Straßengangs mutiert, die in den Armenvierteln auf eigene Rechnung arbeiten. Oppositionelle Kräfte in den Barrios haben es schwer, sich überhaupt Gehör zu verschaffen. Für viele ist politisches Engagement lebensgefährlich, weil sie die Kriegsrhetorik von Maduro praktisch zu Freiwild macht. Der Präsident nennt die Opposition ultrarechte Nazi-Faschisten, die einen Umsturz planten. So stigmatisiert und kriminalisiert, wird es zur Mutprobe, sich in den sozialistischen Hochburgen als politisch Andersdenkender zu outen.

Hinzu kommt, dass die Regierung in Caracas die audiovisuellen Medien nahezu komplett kontrolliert. In den Armenvierteln erreichen die verbliebenen regierungskritischen Medien, die Tageszeitungen, nur eine geringe Auflage. Die Botschaften der Opposition erreichen so die Machtbasis der Sozialisten nicht. Die Regierung kann sich dagegen, jederzeit und so lange sie will, auf alle TV- und Radiosender aufschalten lassen.

Auch international ist die Opposition isoliert. Bei Menschenrechtsverletzungen von Rechtsregierungen in Lateinamerika protestieren soziale Bewegungen, Gewerkschaften und linke Parteien geschlossen und lautstark. Doch wenn die Sozialisten in Venezuela gegen die Menschenrechte verstoßen, bleibt es erschreckend still. Der links regierte Teil Lateinamerikas schweigt – trotz mehr als 18 Toten, Berichten von Folter und übertriebener Polizeigewalt während der Unruhen.