In vielen Teilen von Caracas, der Hauptstadt Venezuelas, trägt der Wind in diesen Tagen Tränengasschwaden durch die Luft; man sieht verbarrikadierte Demonstranten mit Gasmasken, den Rest ihrer Gesichter vermummt, Straßenbarrieren aus Steinen, Ästen und Einrichtungsgegenständen, und in den Ecken die Bereitschaftseinheiten martialisch gepanzerter Polizisten.

Aber an einem Ort sieht man das alles nicht: an dem kilometerlangen Paradeplatz im Herzen der Stadt, wo der einjährige Todestag des Revolutionsführers Hugo Chávez begangen wird. Da sieht man andere Dinge. Ganz andere Dinge.

Am Eingang drängen sich Souvenirverkäufer zwischen die Ströme von Chavistas in roten Hemden oder in gelb-blau-roten Landesfarben, sie verteilen Wasser, Eis, Sonnenschirmchen und T-Shirts mit dem Helden Chávez. Junge eifrige Helfer und übermüdet dreinblickende Soldaten kommandieren das Volk herum: "In Zweierreihen aufstellen!", bellt einer, "Zwei-er-Reihen! Ach Quatsch: Einerreihen! Einerreihen habe ich gesagt!" Eine junge Frau mit einer strengen Brille auf der Nase und einer roten Mütze der Ölarbeiterinnen schießt quer durch die Menge auf mich zu. "Die internationale Presse lügt! Ihr werdet schreiben, dass wir gezwungen sind, hier zur Parade zu erscheinen! Aber wir sind freiwillig hier! Trauen Sie sich, das zu schreiben?"

Tatsächlich sind unter den Tausenden, die sich hier auf der Jubelmeile durch die Sitzreihen der Tribüne quetschen, viele von Dienst wegen hier – Angestellte der Ministerien, der staatlichen Supermärkte für die Armen, der Forschungseinrichtungen, der Petroleumförderanlagen und so weiter. Abhängige des Systems von staatlicher Beschäftigung und Pöstchen, die unter Chávez und seinem Nachfolger Nicolas Maduro riesenhaft gewuchert sind. Schwer zu sagen, ob die von Herzen oder aus praktischen Erwägungen hier sind.

Aber es wird schnell klar, dass ein großer Teil der Menschen aus heller Begeisterung über Chávez und die Revolution gekommen ist – und für die Party, die sich für zünftige Chavistas auch an am Todestag gehört.

"Chávez für immer! Es lebe Chávez" brechen schon in der Warteschlange gelegentliche spontane Gesänge aus; es sind Damen mittleren Alters, die hier besonders engagiert abgehen. Drinnen hört man aus den Lautsprechern einen Einpeitscher, der ständig irgend etwas über den unsterblichen Führer sagt und dabei so klingt wie bei uns ein Fußballreporter im Radio (bloß dass jede Minute ein Tor zu fallen scheint). Es kommt zu Klatschmärschen. Zu Marschmusik und Paukeneinsätzen. "Chávez! Immer Chávez!", das ergibt einen hinreißend tanzbaren Rhythmus.

Man vergisst hier drinnen für einige Stunden, dass draußen in den Straßen der Beginn eines möglichen Bürgerkrieges tobt, dass auf beiden Seiten 18 Menschen zu Tode gekommen sind, dass Menschenrechtsanwälte dem Regime der Chavistas eine ganze Serie von brutalen Übergriffen gegen Demonstranten und Folter in den Gefängnissen vorwerfen (wobei die Demonstranten auch selber alles andere als zimperlich sind), dass Politiker der Opposition sich hier in einem System sozialistischer Diktatur gefangen fühlen. Man ahnt es nur kurz, als ein Militärvertreter spricht und nicht etwa bloß Treue zu seinem Land gelobt, sondern sagt: "Wir sind Chavistas!" Man spürt es, als erst Motorradkolonnen vorbeirasen und dann in einem Affenzahn die schwarzen Limousinen folgen, in denen der Staatschef Maduro sitzt, und aus denen gleich außerdem Raul Castro aussteigt, zusammen mit einer Reihe weiterer Spitzenpolitiker des linken Lateinamerika, um eine Parade aus Soldaten und Panzern abzunehmen. Das sieht sehr sowjetisch aus.

Es klingt bloß nicht so. "Chávez, Chávez!" wird in den Sitzreihen zur Musik skandiert, und man bedauert Herrn Maduro doch sehr, dass sein Name so viele Silben hat. Über der Prachtstraße ziehen Militärhubschrauber Banderolen unter sich her, aber man kann nichts lesen, sie fliegen zu hoch. Kinder sitzen auf den Schultern ihrer Väter und halten Spielzeugsäbel in die Luft. Einige Mitglieder der Vereinigung chavistischer Mütter recken Figürchen des Meisters in die Luft, die sie wie Eis am Stiel an Holzstangen befestigt haben.