Die Ukrainer nennen sie die "kleinen grünen Männchen". Sie stellen in der Ostukraine die Führung und die Vorhut, genauso wie im März auf der Krim. Sie kommen nicht vom Mars, sondern aus Russland. Sie sind genauso gekleidet und bewaffnet wie russische Speznaz (Spezialkräfte). Es fehlen wie bei der Eroberung der Krim bloß die Hoheitsabzeichen und die rötlich-braunen Berets.

Nun arbeiten die unwillkommenen Gäste in der Ostukraine. Am Wochenende, berichtet das Wall Street Journal aus Kiew, begannen sie damit, örtliche Gefolgsleute (das Blatt spricht von "kriminellen Banden") zu organisieren. Für ein Handgeld von umgerechnet 40 bis 500 Dollar, heißt es, haben sie Polizeireviere und Regierungsgebäude attackiert. Doch im Unterschied zur Krim, wo die ukrainische Regierung bloß hilflose Proteste verbreitete, will Kiew diesmal kämpfen. Am Dienstag wurden die ersten Schüsse abgefeuert, als die Soldaten einen bewaffneten Mob von einem ukrainischen Stützpunkt vertrieben. Der amtierende Präsident Alexander Turtschinow: "Wir werden Russland nicht erlauben, das Krim-Szenario zu wiederholen." Er spricht vorsichtig von einer "dosierten, verantwortungsbewussten und ausgewogenen" Operation.

Der zweite Unterschied: Die Regierung Obama, die bislang nur mit symbolischen Sanktionen wie Reiseverboten für Moskauer Offizielle reagiert hat, zeigt nun etwas schärfere Zähne – oder will es tun. Grundsätzlich hält Obama noch immer den alten Kurs. Er will weder Russland in die Eskalation treiben, noch die Ukrainer dazu ermutigen, den Konflikt im Schatten amerikanischer Macht auszuweiten.

Inzwischen aber scheint Washington nicht mehr den Versicherungen zu glauben, wonach Russland keine direkte Intervention plane. In Washington ist nun die Rede von einem "Menu" der Vergeltung. Auf der Speisekarte stehen:  

  • schärfere Wirtschaftssanktionen, die allerdings von den Europäern mitgetragen werden müssten,
  • die Entsendung einer "kleinen" amerikanischen Truppe in die östlichen Nato-Mitgliedsländer,
  • die Mobilisierung größerer Einheiten für den Fall, dass Moskau offen eingreift. Freilich würden die – etwa in Brigadestärke – aber ebenfalls nicht direkt an die russische Grenze vorgeschoben werden, sondern zum Beispiel nach Rumänien.

Vor allem regiert die Vorsicht. Militärische Bewegungen müssten vom Nato-Bündnis abgesegnet werden, was angesichts lavierender EU-Hauptstädte keinesfalls garantiert ist. Die Hauptfunktion solcher Truppenaufmärsche, heißt es in Washington, sei es nicht, die Russen abzuschrecken, sondern das Vertrauen östlicher Nato-Mitglieder zu stärken. Auch will Amerika der Ukraine kein "tödliches" Gerät liefern. Bislang hat es der Armee nur Feldrationen gewährt.

Konflikt - Furcht vor weiterer Eskalation im Osten der Ukraine Die Lage im Osten der Ukraine ist weiter unübersichtlich: In der Stadt Slawjansk fahren gepanzerte Fahrzeuge mit russischen Flaggen auf. Angeblich sind unter den maskierten prorussischen Aktivisten auch zahlreiche Überläufer der ukrainischen Armee

Vorläufig tut Amerika gar nichts. Die Erwartungen richten sich auf den heutigen Donnerstag, an dem Außenminister Kerrys Gespräche mit seinen russischen, ukrainischen und EU-Amtskollegen beginnen. Flankiert werden diese von Vizepräsident Biden, der mit seiner Reise nach Kiew von ganz oben signalisieren soll: Wir stehen an der Seite der Ukraine.
Fazit: Entschlossenheit zeigen, aber keine Risiken eingehen. Es ist eine Willens-, noch keine Machtprobe. Da hat es Putin leichter. Er lässt seine "grünen Männchen" arbeiten, die hocheffizienten Spezialkräfte ohne Hoheitsabzeichen. Und er verlässt sich auf die prorussischen Kräfte in der Ostukraine, derweil er mit sanftem Augenaufschlag sagen kann: "Wir intervenieren doch gar nicht."

Zurück an die Europäer und zur klassischen Obama-Devise "von hinten führen". Ein ungenannter hoher Beamte hofft im Wall Street Journal, dass die EU sich zu härteren Sanktionen durchringen werde: "Wenn die Russen einmarschieren oder eskalieren, müssen sie einen größeren Hammer in die Hand nehmen." Freilich wollen die Amerikaner den Hammer nicht einmal präzise beschreiben, geschweige denn bald selber schwingen.

Amerika ist weit weg, und Russland ist dicht dran. Putin hat die längeren Hebel.