Fünf Tage bevor Afghanistan wählt, haben ein paar junge Leute in Kabul eine Konferenz organisiert. "Deine Hoffnung", lautet der Titel. Die Organisatoren haben 1.001 Afghanen aus 20 Provinzen mit der Kamera befragt, was sie sich vom nächsten Präsidenten wünschen. Die Antworten in den Videos: "Seit die Taliban nicht mehr an der Macht sind, hat sich vieles zum Guten geändert. Aber von unserer neuen Regierung erwarten wir mehr, vor allem soll sich der Präsident um die Straßenkinder kümmern." Oder: "Er soll für Frieden und Stabilität sorgen und nicht so einäugig urteilen wie es die derzeitige Regierung tut." Und: "Ich hoffe, er bemüht sich, das Land für alle zu verbessern, nicht nur für eine Ethnie oder einen Stamm. Wir wollen ein vereintes Afghanistan."

Die Konferenz endet mit einer Testwahl. Alle Stimmen gehen an die vier Kandidaten, die auch bei der echten Wahl am Samstag die Favoriten sind. Abdul Rassaf Sayyaf, der islamistische Hardliner, bekommt nur wenige Stimmen und so gut wie keinen Applaus. Ähnlich ergeht es Salmai Rassul, dem ehemaligen Außenminister. Obwohl er nicht so beliebt ist, glauben viele Afghanen, dass er gewinnen wird, weil er ein Vertrauter von Präsident Karsai ist.

Mehr Applaus bekommt der frühere Finanzminister Ashraf Ghani. Er hat versprochen, als Präsident alle Talibankämpfer aus dem Gefängnis Bagram zu entlassen. Am lautesten klatschen die Teilnehmer aber, als der Name Abdullah Abdullah fällt: Er war Karsais wichtigster Herausforderer bei der Wahl 2009 und ist der einzige von elf Kandidaten, der (zur Hälfte) tadschikisch ist, also der zweitgrößten Ethnie des Landes angehört. Alle anderen sind Paschtunen.

"Wir können das Ergebnis nicht bekannt geben", sagt einer der Konferenzausrichter, es sei nicht repräsentativ. Er unterstützt Ashraf Ghani. Der zweite Veranstalter – er ist für Abdullah Abdullah – setzt sich aber durch und verkündet den Sieg seines Kandidaten. Die Anhänger jubeln. Die Gegner rufen dazwischen. Tumult. Obwohl es bei der Probewahl um nichts geht, geht es um alles.

Die Nato soll bleiben

Die Wahl. Seit Monaten fiebert das Land auf sie hin. Die Afghanen hoffen, dass sie überhaupt stattfindet, und malen sich aus, was kommt, wenn Präsident Karsai endlich weg ist und sein Nachfolger dafür gesorgt hat, dass die Nato im Land bleibt. Denn alle Kandidaten versprechen, das entscheidende Abkommen mit den USA zu unterzeichnen, gegen das sich Karsai gewehrt hatte. Die Hoffnung: Ausländische Geschäftsmänner werden in Afghanistan investieren, die Leute werden Geld ausgeben und die Preise auf dem Basar endlich wieder sinken.

Doch in den Tagen vor der Wahl spricht fast niemand mehr über diese Träume. Grund dafür ist die Gewalt: In den vergangenen zwei Wochen haben die Taliban viermal in Kabul angegriffen: Zweimal das Büro der Wahlkommission, ein Hotel und eine amerikanische NGO. Die Angreifer töteten 15 Menschen. Jedes Mal kämpften die afghanischen Spezialkräfte stundenlang gegen sie.

"Seit ein paar Tagen sehe ich in jedem Auto, das an mir vorbeifährt, einen Attentäter", schreibt ein Freund. "Bei jedem Polizisten frage ich mich, wann er getötet wird." Dann lädt er zur Verlobungsfeier eines Freundes ein.

Männer und Frauen feiern getrennt. "Was für ein scheiß Ort", sagt eine der Gäste. Meint sie das Hotel. "Nein", sagt sie. "Ich rede von Kabul." Ihr Lehrer ist gestern bei einem Anschlag gestorben.

Am nächsten Tag fragt die Putzfrau Zuhause, wie die Feier war. "Ich glaube, die Leute hatten Angst. Du auch?" Sie trocknet einen Teller ab. Dann sagt sie: "Die Taliban haben vor 15 Jahren meinen Mann umgebracht. Ich will keine Angst mehr vor ihnen haben." Mit den Anschlägen kommt die Vergangenheit allerdings zurück.