Der Libanon ist das einzige Land, das seine Grenzen für syrische Flüchtlinge offen hält. Bis Ende 2014 werden einer UN-Prognose zufolge mehr als 1,5 Millionen Syrer dort leben – zusätzlich zu nur 4,5 Millionen Einwohnern. ZEIT-Redakteurin Andrea Böhm lebt seit einem Jahr in der Hauptstadt Beirut. In den kommenden Monaten berichtet sie über den Alltag im Flüchtlingsland: über das Leben der Syrer, aber auch darüber, wie der Zuzug das Leben der Libanesen verändert. 

Mehr als eine Million syrische Flüchtlinge verzeichnen die UN seit dieser Woche im Libanon. "Ein verheerender Meilenstein", so kommentierte es der Leiter des Flüchtlingshilfswerks UNHCR, António Guterres. Der Libanon sei nun das Land mit der höchsten Flüchtlingsdichte der Welt. Als ob die Libanesen das nicht längst wüssten. Schließlich ist längst nicht jeder Flüchtling beim UNHCR registriert, und nicht jeder Syrer ist als Flüchtling gekommen. Viele sind Saisonarbeiter, die nun nicht mehr nach Hause können.

Die Syrer sind überall in Beirut. Die Wohlhabenderen eröffnen Restaurants und Schneidereien, dominieren die Galerien mit ihren Bildern und Skulpturen, drängen sich in Hörsäle. Die Ärmeren fahren die billigsten Taxis, putzen den Libanesen die Schuhe, verkaufen arabischen Kaffee, Bananen oder Popcorn an der Straßenecke und Rosen auf den Beiruter Party-Meilen.
Und sie machen Lärm. Mit Presslufthammer, Schlagbirne, Dieselmotor oder Bagger.

Neulich verwandelte sich dieser Lärm in einen Sound: über das Kreischen von Beton-Sägen legte sich rhythmisches Schlagen auf Holz, Stahl und Zement. Mit Synthesizern gemischt, durch Lautsprecher verstärkt. Ein Konzert der anderen Art.

Der Konzertsaal?

Eine gigantische Baugrube mitten in Beirut, was für einen interessanten Echo-Effekt sorgte.

Das Orchester?

Syrische Bauarbeiter. Neun saßen mit Hammer und Feilen an einem Pressspan-Tisch, fünf standen mit Schraubenschlüsseln am Querstahlrohr, drei spielten an senkrechten Stahlstreben wie an einer gigantischen Harfe.

Flüchtlingskrise im Libanon - "Sozialer und ökonomischer Brennstoff" Der Libanon ist das einzige Nachbarland, das noch Flüchtlinge aus Syrien aufnimmt. Zusätzlich zu 4,5 Millionen Einwohnern kommen derzeit mehr als eine Million Syrer. ZEIT-Korrespondentin Andrea Böhm über die Spannungen im Libanon

Das Publikum?

Überwiegend Beirutis jüngeren Jahrgangs in schlabberigen Jeans, Hoodies und Turnschuhen, sowie Smartphones als Accessoires. Dazu, etwas älter und gehobener, die typischen Vernissage-Besucher. Sie alle standen hoch oben am Rand der Grube hinter einem Sicherheitsgeländer. Weil der Andrang weit über die Erwartung der Organisatoren hinausging, mussten die Zuhörer leider nach fünf Minuten ihre Logen-Stehplätze verlassen und für die Nächsten Platz machen.

Und wer denkt sich so etwas aus?

Zwei Beiruter Künstler: die aus Mailand stammende Ilaria Lupo, die mit ihren Projekten öffentliche Räume zur Bühne macht, was hier in der Tat eine Kunst ist, da es in Beirut immer weniger öffentliche Räume gibt. Und der aus Detroit stammende Komponist Joe Namy aka Electric Kahraba, in der Szene bekannt für Radio-Sendungen wie "Mkataa – Dubai Bootlegs".