Am Sonntagabend stand Frank-Walter Steinmeier vor dem Grand Hyatt Hotel an Pekings Prachtboulevard Chang An, bereit für Interviews mit ARD und ZDF. Aber die Fernsehleute daheim wollten von ihm nichts über das deutsch-chinesische Verhältnis wissen oder über den Inselstreit zwischen China und Japan. Ihre Fragen drehten sich um Putin, Russland und die Ukraine.

Und als Kameras und Mikrofone wieder ausgeschaltet waren, drehte sich der deutsche Außenminister um, ging zurück in sein Hotel und verkündete: "Jetzt telefoniere ich mit Kerry."

Am ersten Tag seiner Asienreise, in Tokio, hatte Steinmeier erklärt: "Wir sind gekommen, um zuzuhören, um zu lernen." Tatsächlich war es eher umgekehrt. Japaner und Chinesen wollten von ihrem Gast wissen, wie gefährlich die Krise um die Ukraine noch werden könne.

Die auf Stabilität geradezu versessenen Chinesen sind besorgt, das Verhältnis des Westens zu Russland könne sich weiter verschlechtern. Man könnte meinen, sie seien die klammheimlichen Profiteure des Konflikts um die Ukraine. In Wahrheit wollen sie nicht an die Seite Putins gedrängt werden, der die heiligsten Prinzipien ihrer Außenpolitik – Nichteinmischung und territoriale Integrität – verletzt. Sie wollen sich aber auch nicht offen gegen Russland stellen.

Also laviert man. Auf die einfache Frage: Auf welcher Seite steht China im Ukraine-Konflikt?, antwortet Außenminister Wang Yi mit dem grandiosen Satz: "China nimmt eine objektive, gerechte und verantwortungsbewusste Haltung ein."

Übersetzt heißt das: Die Deutschen sollen sich bitte um die Ukraine kümmern. Denen traut Peking in der Außenpolitik heute eine größere Rolle zu als je zuvor, mehr Durchsetzungskraft als allen anderen Europäern. Man spricht zwar pflichtgemäß auch mit Brüssel; aber die Telefonvorwahl Europas, heißt es in Peking, sei 00 49.

Frank-Walter Steinmeier jedenfalls wurde von der chinesischen Regierung regelrecht hofiert: Das gewichtige Deutschland hat wieder einen gewichtigen Außenminister, sollte das wohl heißen.

Der Gast aus Deutschland wiederum verglich die Krise in Osteuropa gern mit der Krise in Ostasien – auch wenn dazwischen "zehntausend Kilometer" lägen. Was er seinerseits über die Lage in Fernost zu hören bekam, klang aber einigermaßen beruhigend, jedenfalls nicht nach Kriegsgefahr.

Höchste japanische Gesprächspartner zeigten sich selbstkritisch und räumten ein, das Verhältnis zu China durch den Besuch von Premierminister Abe im umstrittenen Yasukuni-Schrein erschwert zu haben, in dessen Hallen auch der Seelen hingerichteter Kriegsverbrecher aus dem Zweiten Weltkrieg gedacht wird.

Das befürchtete China-Bashing bekamen die Deutschen in den internen Gesprächen nicht zu hören. Steinmeiers Gastgeber bedankten sich dafür, dass die Bundesregierung den chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping bei dessen Besuch jüngst in Berlin gebeten habe, mit einem Angebot zum Dialog auf Japan zuzugehen.

Auch wenn sowohl chinesische wie auch japanische Nationalisten nach wie vor gegen den Nachbarn trommeln: Kenner der Regierungspolitik beider Länder sind überzeugt, am Ende werde asiatischer Pragmatismus über die hoch gepeitschten Emotionen siegen. Der Konflikt werde nicht zum Krieg führen, sagte einer der führenden strategischen Köpfe in Peking beim Gespräch im kleinen Kreis.

Der Konflikt um die Ukraine scheint den Regierenden in Japan und China gegenwärtig mehr Sorgen zu machen als der Inselstreit im ostchinesischen Meer.

Kaum war Frank-Walter Steinmeier wieder abgeflogen, landete Russlands Außenminister Sergei Lawrow in Peking. Die beiden hätten sich gern noch getroffen, aber dazu reichte die Zeit dann nicht. Krisendiplomatie rund um die Uhr. Kein Außenminister kann ihr derzeit entfliehen – und wenn er zehntausend Kilometer nach Osten fliegt.